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VII. Die Stadtteile Wolf und Kautenbach Von Giselher Castendyck Oberhalb von W 0 l f erhebt sich auf markanter Berglage der in das 12./ 13 Jahrhundert zurückreichende Turm der Ruine der Wolfer Klosterkirche, die zu den frühen Pfarrkirchen des Moseltales gehört hat. Die Grafen von Sponheim erwarben bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts ihre Patronats- und Zehntrechte, die bis dahin bei dem Zisterzienserinnenkloster Machern und bei verschiedenen Herren der Umgegend gelegen hatten, und siedelten hier 1478 Brüder vom gemeinsamen Leben aus Butzbach in Hessen zur Gründung einer Niederlassung an. Die in den Bereichen der Erziehung, der Buchherstellung, der Armen- und Krankenpflege engagierten Fraterherren ihrer stets übergezogenen Kapuze (lat. cuculla) wegen auch fratres cucullati, im Volksmund entstellend Kugelherren genannt - waren sonst vorwiegend in Städten angesiedelt, wo sie eigene Schulen unterhielten, so daß mit der Wolfer Klostergründung ganz offensichtlich ein geistiges Zentrum für die sponheimischen Anteile an der Mittelmosel und im Kröver Reich geschaffen werden sollte, dessen Wirksamkeit jedoch weit darüber hinaus bis nach Trier ausgestrahlt hat. Hier haben die Wolfer Fraterherren das Kloster St. German mit seiner einflußreichen Lateinschule betreut. Mit Einführung der Reformation in der Grafschaft Sponheim fand ihre Wirksamkeit in Wolf ein rasches Ende. Das Kloster wurde 1560 aufgelöst und sein Vermögen zur Ausstattung von Kirchen und Schulen der hinteren Grafschaft verwendet. Teile daraus sind der 1573 gegründeten Trarbacher Lateinschule als Fundationsmasse zugeflossen. Die Kirche St. Servatius im Ort wurde 1491 durch den Trierer Weihbischof Johann von Eindhoven geweiht. Ihre Erbauung war vermutlich durch die Zuweisung der Pfarrkirche auf dem Berg an das neue Kloster notwendig geworden. 1597 folgte - nach Auflassung des Klosters und seiner mit Pfarrechten ausgestatteten Kirche die Verlegung des Friedhofs in den Ort und seit der Mitte des 17. Jahrhunderts ist die längst evangelisch genutzte Ortskirche als Pfarrkirche erkennbar, sichtbar dokumentiert durch ihre bauliche Erneuerung im Jahre 1685. Ihre reiche Güterausstattung stammt wohl ebenfalls aus dem Besitz des Klosters. So verfügt das evangelische Kirchenamt in Wolf über ein Weingut, welches bis zum heutigen Tage edle Rieslingsweine erzeugt, die nicht nur protestantische Weinkenner schätzen. Ein Kuriosum dieser Kirchenanlage: Der Weinkeller befindet sich direkt unter dem Kirchenschiff, gebetet wird eine Etage darüber. Die klösterliche Tradition der glücklichen Verbindung geistlicher und weltlicher Gaben hat sich hier konfessionsübergreifend bewahrt. Pfarrer Adolf Ebertshäuser ist der Seelsorger der evangelischen Gemeinde seit November 1956. Der Ort Wolf gehörte - wie das Kloster auch zur sponheimischen Herrschaft und durchlebte seine Geschichte gleichermaßen, wie die der benachbarten Stadt. So sind die kriegerischen Ereignisse, denen Trarbach besonders im 17. und 18. Jahrhundert ausgesetzt war, oder die Zeit des Mont Royal 1687 - 1698, auch an Wolf nie spurlos vorübergegangen. Vielleicht mögen im Unterbewußtsein die Parallelen und Verflechtungen in Geschichte und Schicksalen mit dazu beigetragen haben, daß sich beide Gemeinden 1969 auf städtischer Ebene begegneten, um die Chronik der Zukunft gemeinsam zu schreiben. Damit haben 600 Wolfer Bürger 15 Jahre Anteil an der jüngsten Geschichte der Doppelstadt. Die reich geschmückten Fachwerkbauten lassen sich im gesamten Ortsbild entdecken, geben teils kompakt den Straßenzügen mittelalterliches Gepräge oder stehen einzeln zwischen nüchternen Schieferbauten der Gründerzeit, je nachdem Baulücken im Zuge der Dorferweiterung gefüllt wurden oder Brände (1761) das ehemals einheitliche Fachwerkidyll zerstörten. Sie sind ,,Schätze der Vergangenheit" und Sehenswürdigkeiten im Blickfeld des Fremdenverkehrs. Die Wolfer Schule wurde nach der Verwaltungsreform, der auch die Schulreform angegliedert war, aufgelöst, als in Traben-Trarbach das neue Schulzentrum entstand. Die letzten Lehrkräfte der zweiklassigen Volksschule für acht Schuljahre waren Frau Brigitte Klar und Herr Rolf Zang. Bemerkenswerter ist die Schul- und Erziehungsanlage, die 1891 von Pfarrer W. Berenbruch gegründet und ehemals als Wolfer Waisenheim bekannt wurde. Die Schüler waren verarmte Waisenkinder, denen mit der nötigen Erziehung und Ausbildung die gesellschaftliche Eingliederung erleichtert werden sollte. Anfangs wurden in der Anstaltsschule 32 Kinder aufgenommen, die alle in der Lehrerwohnung Unterkunft fanden. 1894 wurde an der heutigen Stelle des Martin-Luther-King-Heimes ein großes Verwaltungsgebäude errichtet, das sogenannte Haupthaus. In der Folge entstanden weitere Schulgebäude, Wohnhäuser, ein Kleinkinderheim sowie der Spielsaal für Regen- und Wintertage. Eine Ausbildungsstätte für Heimerzieher wurde bahnbrechend für die damalige Zeit. Die Häuser erhielten Heizung, elektrisches Licht und moderne sanitäre Einrichtungen. Für Kühe und Schweine entstanden besondere Stallungen, die Anstalt bekam Dorfcharakter. 1939 übernahm Frau Dr. von der Heyden die Leitung und gab dem Heim weitgehend sein heutiges äußeres Aussehen. 1956 wurde neben dem alten Schulhaus ein großer heller Erweiterungsbau errichtet. Die Zahl der Lehrstellen erhöhte sich von vier auf acht. Eine heilpädagogische Gruppe, die erste ihrer Art in Rheinland-Pfalz, übernahm Spezialaufgaben im Heim. In den sechziger Jahren gab sich das evangelische Kinder- und Jugendheim den Namen Martin-Luther-King-Heim. Der ausschließliche Vorbehalt für Waisen war nicht mehr gegeben; auch schwer erziehbare Kinder werden eingewiesen und mit viel pädagogischem Geschick und Einfühlungsvermögen auf Beruf und Leben vorbereitet. Wolf hatte kaum eine Verbindung zur Außenwelt. Eine schmale Straße nach Trarbach, eine romantische Fähre zum gegenüberliegenden Steilufer und die Moseltalbahn waren die einzigen Zugänge zum Ort. Als eine existenzentscheidende Leistung und echte Gemeinschaftstat ist deshalb der Brückenbau zu werten, der mit dem ersten Spatenstich am 29. April 1960 begann und am 1. Juni 1963 mit der Verkehrsübergabe beendet wurde. Da die Moseltalbahn bereits am 1. Januar 1963 den Betrieb eingestellt hatte, wurde die Brücke zur Dominante aus einer jahrhundertelangen Isolation und ist in Bedeutung und Auswirkung auf Ort und Mensch nicht hoch genug einzuschätzen. Der
,,Brückenschlag" moselab zur Stadt Traben-Trarbach, begleitet vom Ausbau
der B 53 zwischen den beiden Gemeinden, war dann der nächste Schritt in die
Zukunft. Die Entwicklung ist eindeutig positiv. Der wertvolle
Fachwerkhausbestand ist für den neuen Stadtteil das Aushängeschild im
Bemühen des Wolfer Bürgervereins um den Fremdenverkehr (Campingplatz,
Freizeitcenter). Im Hinblick auf Gewerbeflächen und landschaftlich bevorzugte
Wohngebiete locken lohnende Investitionen. Mit der Erschließung des
Koppelberges und dessen eifriger Bebauung wachsen die Gemeinden zwar nicht
ineinander, aber doch merklich zueinander - und das auf allen Ebenen der
vertragstreuen und deshalb auch verträglichen Partnerschaft.
Der Stadtteil Kautenbach mit ca. 300 Einwohnern, 6km vom Stadtkern Trarbach entfernt, liegt in einer geringen Ausbuchtung des sehr engen, aber desto romantischeren Wildbadtales. Kautenbachs Geschichte liegt im Dunkel, dies um so mehr, da eine vor vielen Jahren mit Fleiß erforschte Ortschronik nicht mehr auffindbar ist. Da auch dieser Stadtteil die Geschichte der Doppelstadt erst seit 14 Jahren belebt, kann der ,,Blick zurück" nur ein Augenblick sein. Der bereits vorgeschichtlich nachgewiesene Bergbau in diesem Talbereich läßt auf eine frühe Besiedlung schließen. Im 15. Jahrhundert schürfte man nach Blei, Zink, Kupfer und Silber. Viele stillgelegte Stollen in felsigen Berghängen rund um den Ort zeugen von einer regen Bergmannstätigkeit. Die Hauptgrube St. Dorotheenberg, später Kautenbach genannt, wurde jedoch schon vor dem Dreißigjährigen Krieg geschlossen. Dem Kautenbacher Bergbau verdankt das in der Nähe liegende Bad Wildstein seinen Ursprung. Im Hauptstollen entdeckte man schon im 16. Jahrhundert eine heiße Quelle, die im 19. Jahrhundert gefaßt wurde und bis heute das heilkräftige Wasser liefert. Im Jahre 1752 erwarb Adolf Böcking aus Trarbach die Schürfrechte und schuf eine neue Blütezeit. Insgesamt acht Stollen erstreckten sich dem Lauf des Kautenbaches entlang bis unterhalb von Fronhofen und Pilmeroth. Es sollen mit 105 Beschäftigten 500 Zentner Kupfer jährlich gefördert worden sein. Als man im Jahre 1799 gegen den Bernkasteler Stollen vorzudringen versuchte, brach so viel Wasser ein, daß man die Gruben verlassen mußte. Viele Einwohner wanderten in die Bergbauzentren Ruhr und Saar, die übrigen Dörfler versuchten es mit der Landwirtschaft, die infolge zu weiter Anfahrtswege auf das Hochplateau keinen Gewinn bringen konnte. So verdienten sich die Einwohner ihren Unterhalt fast ausschließlich als Tagelöhner in den benachbarten Gemeinden~ Die Doppelstadt wurde bevorzugt infolge der besseren Talverbindung dorthin, während alle anderen Verdienstmöglichkeiten durch den Hunsrücker Bergrücken erschwert waren. Zwei ausgesprochene Talente der Einwohner entwickelten sich im Laufe der Berufsumbildung und wurden hoch geschätzt: Maurer und Weinbergsarbeiter. Der Maurerberuf vererbte sich in den Familien von den Vätern auf die Söhne, und kaum existiert in der näheren und weiteren Umgebung ein Haus, an dem nicht Kautenbacher Facharbeiter mitgearbeitet haben. Auch in der Weinbaugemeinde Traben-Trarbach waren Arbeitskräfte aus Kautenbach stets willkommen: Frauen wie Männern gingen die oft schwierigen und fachlich diffizilen Weinbergsarbeiten schnell von der Hand, und kein Jahrgang wuchs heran, an dessen Ernte nicht Kautenbacher Facharbeiterinnen und Weinbergsleute beteiligt gewesen waren. Ein bodenständiges Gewerbe konnte sich in dem engen Tal - fern von den tragenden Verkehrsadern - nicht entwickeln. Eine Papiermühle etablierte sich im 19. Jahrhundert in dem wasser- und holzreichen Distrikt. Die Dampfmaschine verdrängte die Wasserkraft und ließ die Produktion hier unrentabel werden. Das Werk brannte später ab und blieb Ruine. Ein Wiederaufbau lohnte nicht. Der ehemalige Ortsteil Kautenbach/Fronhofen gehörte früher zur Grafschaft Sponheim, der Ortsteil Kautenbach/Graach zum Kurfürstentum Trier. Im Fronhofener Teil wurde die Reformation eingeführt; der Graacher Teil Kautenbachs blieb katholisch. Der Bach bildete die politische und religiöse Grenze zwischen zwei Dritteln katholischer und einem Drittel evangelischer Bevölkerung. Bis 1804 gehörte der katholische Teil Kautenbachs zur Pfarrei Graach, später zu Longkamp. 1871 wurde mit dem Bau der katholischen Maria-Himmelfahrts-Kirche begonnen. Die evangelischen Einwohner des Ortsteils Fronhofen wurden 1754 dem ,,Kirchspiel" zugeteilt. 1860 kamen die Evangelischen zur Gemeinde Bernkastel. Aus dieser Zeit stammt auch der Neubau der evangelischen Kapelle. Schwierigkeiten brachte die territoriale und konfessionelle Spaltung auch der Schule. Die evangelischen Kinder wurden zuerst nach Trarbach eingeschult, seit 1750 nach Kleinich auf den langen Marsch geschickt. 1782 errichtete man in Kautenbach eine Winterschule, und 1838 entstand die Simultanschule, die 1862 in zwei Konfessionsschulen aufgeteilt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg bestand nur noch eine von Kindern beider Konfessionen besuchte Schule. 1962 wurde Kautenbach eine selbständige Gemeinde. In die kurze Amtszeit des ersten Bürgermeisters Johann Heiser fiel auch der Bau einer neuen modernen Schule für beide Konfessionen und ein Lehrerwohnhaus. Die Selbständigkeit der Gemeinde Kautenbach blieb nicht von langer Dauer. Im Jahre 1968 trat die Stadt Traben-Trarbach an Kautenbach heran, um eine Eingemeindung vorzuschlagen, die nach abgeschlossenem Eingemeindungsvertrag durchgeführt wurde. Die kurze Zeit später vollzogene Verwaltungsreform gab diesem lobenswert freiwilligen Entschluß ihren Segen. Das neue Schulgebäude fiel der Schulreform zum Opfer. In den Räumen und Sälen wird 1981 ein Ikonenzentrum errichtet. Durch den Ikonenschreiber Saweljew entstehen nachempfundene und neue Ikonen von hohem künstlerischen Wert, die manchen Kirchenbau schmücken oder in Sammlerhände gehen. Mit der Stadt besteht ein Stiftungsvertrag über 28 Ikonen. Ab 1983 werden dieser Stiftung jährlich zwei weitere Ikonen übereignet~ Nach dem Tode des Künstlers soll dieser Kunstbestand im Kautenbacher Ikonenzentrum in einer ständigen Ausstellung bewahrt werden. Das Atelier ist für Besucher geöffnet. Man erlebt unter sachkundiger Führung des Künstlers das Entstehen der Ikonen und kann auch in Kleinausgabe solche als ,,Souvenir" erwerben. Somit ist der Eingemeindung des Ortes Kautenbach ebenfalls der Gewinn eines seltenen kulturellen Wertes zuzuschreiben. Kautenbach hat - wie auch Wolf - einen eigenen Ortsbeirat. Die neuen Stadtteile unterscheiden sich somit von den übrigen Stadtteilen Rißbach, Litzig, Bad Wildstein, die in die Stadt Traben-Trarbach ohne eigene Ortsverwaltung integriert sind. Literatur: H. Vogts, Die Kunstdenkmäler des Kreises Bernkastel, 1935. In: Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz, hrsg. von P. Clemen, Bd. 15,1. Abteilung, 5.383-395. F. Pauly, Siedlung und Pfarrorganisation im alten Erzbistum Trier, Bd. 2: Die Landkapitel Piesport, Boppard und Ochtendung, 1961. In: Veröffentlichungen des Bistumsarchivs Trier, Bd. 6, S.73. J. Hönl, Die Geschichte von Traben-Trarbach, 198ü, 5.63. Weitere Materialien haben die Ortsteile Wolf und Kautenbach in freundlicher Weise bereitgestellt. |