XIII.
Kulturelles Erbe. Kleiner Führer durch die Sehenswürdigkeiten der Stadt
Von Giselher Castendyck

Historische Bauten sind als Kulturzeugen in die Zeit nach 1904 hineingewachsen Lind belegen ihren kulturellen Wert aus der Zeit ihrer Entstehung: Die Grevenburg als bedeutendstes Bauwerk und Mont Royal als Mahnmal politischer Irrwege. Andere historische Bauwerke, Stadttürme und Mauern, der Rittersaal, die Zollburg, die nach den Bränden von 1857 und 1879 nur spärlich erhaltenen Fachwerkhäuser, die Ratsschenke, der Wehrhof oder das Casinohaus gelten als letzte Zeugen mittelalterlicher und späterer Formen. Entsprechend ihrer Zeit als Kulturbringer und -denkmäler zeitlos, stehen sie heute zweckentfremdet in dieser Kulturlandschaft und dienen ausschließlich der Gastlichkeit und dem Fremdenverkehr.

1. Die Grevenburg

Auf der Grevenburg (d. h. Grafen-, nicht ,,Gräfin" -burg), die Graf Johann III von Sponheim um 1350 als Paßfeste über dem Talstern und Ort Traben-Trarbach errichtet hatte, regierte der Enkel des Erbauers als letzter seines Geschlechts bis zur Nahe, verwalteten seit 1437 adelige Oberamtmänner die Hintere Grafschaft Sponheim für deren Erben und Gemeinherren Baden und Pfalz, wurden hohe Gäste weinfestlich und ritterlich gefeiert. Erst von namhaften Burgmannen und Reisigen betreut, dann von einer, schließlich von zwei Söldnerkompanien besetzt, schützte die Burg fast 300 Jahre lang auch die Umgebung wie ein Schild, den die damaligen Geschütze von unten nicht erreichen und von oben nur überschießen konnten.

Aber im 17. Kriegs-Jahrhundert europäischen Ringens um den Rhein zog die als Paßfeste der Pfalz alle Völkerheere magnetisch an und wurde erst von 2000, schließlich von gar 12 000 Mann sechsmal scharf belagert und erobert, so 1620 durch die Spanier und 1632 durch die Schweden unter General Horn. 1635 besetzten die Kaiserlichen sie. Frankreich nahm sie nach friedlicheren Jahren 1680 wieder, diesmal als ,,Reunion", und der große Vauban modernisierte und baute sie ab 1687 stärker als je aus, zum Beispiel durch drei kleine Forts auf der gefährlichen Franzosenhöhe über der Burg und durch eines unter ihr: den Höllenturm (am heutigen Kriegerdenkmal 1870). Auf der gegenüberliegenden Talseite des Hunsrücker Einfalltores stand als Gegenbollwerk die ,,Redoute".

Doch als Vorfeste des kurzlebigen Mont Royal, der nach Frankreichs Verzicht im Frieden von Rijswijk nach 1697 geschleift wurde, gingen der Burg - wieder im Besitz ihrer alten Gemeinherren - die äußeren Festungswerke allmählich verloren. Im spanischen Erbfolgekrieg 1701 - 1714 eroberten die Franzosen unter Tallard diesen Moselriegel sofort wieder, wehrten eine Belagerung durch die gegnerischen Verbündeten 1703 ab und verstärkten ihn wieder nach Vaubans Plänen, allerdings ohne die drei Oberwerke. 1704 bezwang der hessische Erbprinz Friedrich das tapfer verteidigte Wehrschloß endlich doch, und zwar auf nachdrücklichen Befehl des berühmten englischen Feldherrn Churchill-Marlborough. In diesem blutigsten Ereignis unserer Heimat fielen über 180 Mann und der holländische General Trogne. Dann besetzten die Holländer die arg zerzauste Grevenburg und überließen sie im Frieden von 1714 Trier. Ihr eigentlicher Landesherr, Pfalzgraf Christian von Birkenfeld, sowie die geplagte Stadt Trarbach baten, sie zu demolieren. Kurtrier aber reparierte ab 1730 die Kampfschäden, um Koblenz und den Rhein zu decken, erreichte jedoch nicht, daß sie als Reichsfeste anerkannt wurde. Nachdem die Franzosen sie im polnischen Erbfolgekrieg 1734 zum vierten- und letztenmal nach kurzer, schärfster Belagerung unter ihrem späteren Kriegsminister Belle-Isle eingenommen hatten, wurde sie im Juli 1734 als letzte der Moselburgen von den Franzosen gesprengt. Heute künden nur noch wenige Ruinen von ihrer einstigen Stattlichkeit. Die Burg liegt auf künstlich erweiterter Scharte des schroffen Felsgrates 140 m hoch und beherrscht Fluß, Tal, Paß-Verkehrswege und die Stadt

Das Bauwerk gab wirtschaftlich, politisch und kulturbringend der jungen Stadt Auftrieb, Bedeutung und Ansehen, und seine Ruinen - nach 1734 - bleiben Anziehungspunkt der Doppelstadt. Die einzig noch stehende Fassade wurde um 1900 auf Veranlassung des damaligen Vorsitzenden des Verschönerungsvereins, Apotheker Franz Mallmann, restauriert. Zwar nicht als Wahrzeichen, aber als eindrucksvolle Silhouette vor einer historischen und landschaftlichen Kulisse über der Doppelstadt zeigt sie die westliche Fensterfront des einstigen Kommandantenhauses.

Hinter diesem Kommandantenhaus ragte doppelt so hoch das Herrenhaus mit vier Ecktürmen. Daneben lag das Zeughaus, anschließend alles überragend der 35 m hohe Bergfried zwischen Schildmauern gegen den Berg, heute der große Schutthügel. Das Durchfahrtstor daneben flankierten zwei Pulvertürme, wovon einer noch erkennbar ist. Davor führte eine Holzbrücke über den breiten tiefen (heute planierten) Hauptgraben zu zwei Vorwerken mit eigenen Felsengräben. Deren Wehrgänge sind noch teilweise erhalten.

Über der großen Schutthalde des hohen Südwalles stehen noch zwei Kasemattenbögen der schmalen Kasernen und ein Stützbogen vom Offiziershaus, das die Burg gegen die Stadt unter der Hochruine abschloß. Von dort zweigten, von Türmen flankiert, Wehrmauer und Graben zur Stadt hin ab, ferner der Weg zu den Vor- und Unterwerken, von denen nur noch ein Bogen am Fels (restauriert) erhalten ist.

Der Burggraben wird ab 1904 als Festplatz, im Automobilzeitalter mehr als Parkplatz benutzt. Er stand 1930 im Mittelpunkt eindrucksvoller Feierlichkeiten aus Anlaß der Rheinlandbefreiung. Eines der größeren Heimatfeste wurde 1935 hier sinnvoll gestaltet. Die schöne Landschaft des Talstromes und die Abendstimmung über Burg und Stadt boten einer abwechslungsreichen Fluß- und Abendfeier mit beleuchteter Bootsauffahrt, Nixentanz als Verkörperung der Moselromantik mit Rotglut der Ufer und Höhen eine unvergessene Kulisse.

Zum siebenhundertjährigen Stadtjubiläum stand die Burg 1954 abermals im Mittelpunkt eines abendlichen Schauspiels. Dieses steigerte sich mit beleuchteter Bootsauffahrt, Nixenreigen auf der Mosel und einem grandiosen Feuerwerk zu einer folkloristischen und historischen Demonstration. Das Feuerwerk brilliert alljährlich an den ,,Weinfrohen Tagen" (2. Samstag im Juli) und die Burg ist als geeignete Kulisse auf solchen Feuerzauber festgelegt.

Als ständige Einrichtung finden wir heute, an einen der vier Palasttürme angelehnt, die gastliche Burgschenke. Der Ausblick vom Vorbau der noch stehenden Burgfassade über Tal, Stadt und Eifelberge ist faszinierend.

Die Chance, die Burg ausgangs des 19. Jahrhunderts durch den Geheimen Kom­merzienrat Ravené aus Berlin wieder aufbauen zu lassen, wurde vertan. Zu sehr stand man noch unter dem Eindruck der schicksalhaften Kriegswirren des 17. und 18. Jahrhunderts. Der Bau eines Zubringerweges zur Burg scheiterte an Besitzrechten angrenzender Eigentümer von Weinbergen, so daß sich Ravené mit seiner Burgenliebhaberei der Burg Cochem zuwandte. Aus fremdenverkehrs-politisch-romantischer Sicht mag man dies heute bedauern; die wissenschaftliche Burgenkunde aber tröstet: Lieber eine echte Ruine als eine falsche Burg.

2. Der Mont Royal

In den Ruinenfeldern der Festung Mont Royal inmitten dieses viel umstrittenen rheinischen Grenzlandes mahnt ein politisches Gesetz: Druck zeugt Gegendruck. Während sich in der Neuzeit nach 1500 das allzu ,,Heilige- deutsch- römische" Splitterreich in etwa 400 Kleinstaaten auflöste, erholte sich inzwischen sein Nachbar Frankreich aus seiner Drucklage zwischen den Habsburger Zangen: Spanien, Niederlande, Reich und Italien. Es sammelte sich allmählich zur führenden europäischen Nation und drängte als Weltmacht wieder zum Rhein.

Allein aus mindestens acht französischen Kriegszügen und Besetzungen an der Mittelmosel (besonders 1645,   1672,   1681-1698, 1702,   1734/35,   1794-1814, 1919 - 1930 und ab 1945) schälen sich eigentliche Franzosenzeiten heraus. 1680/81 wird das Mittelmoselgebiet ,,reuuniert". Dann errichtete Frankreich 1687 zur Versorgung seiner Festungskette, ferner zur Beherrschung des mittleren Rheinlandes und seiner vier Kurfürsten Köln, Trier, Mainz und Pfalz hier seine Gipfelfestung Mont Royal. Ludwig XIV. suchte mit diesem totalen Fremdkörper mitten in den friedlichen, aber ohnmäch­tigen Rheinlanden sein damaliges europäisches Übergewicht weiter und stärker als je zu verankern, wurde aber durch Europas Abwehr schon 1697 zur Aufgabe der Reunionen und Schleifung der Zwingfeste veranlaßt.

Die Festung wurde unter Leitung Vaubans mit Millionen französischer Staatsmittel, mit deutschen Zwangsgeldern und bis zu 8000 Fronarbeitern erbaut. Sie umfaßte mit einer Mittelachse von 5 km das gesamte Hochplateau des Berges mit dem Kern der Festung von 1,6 km Länge und 750 m Breite, begrenzt vom linksseitigen Moselufer rund um den Halbinselberg. Die 50 ha große und 200 m hohe Felszitadelle bildete den Kern der Festung. Dieser war umschlossen von einem 2,92km langen, bis zu 30 m hohen Hauptwall mit fünf Bastionen und drei Bolltürmen. Er wurde gedeckt von drei Hornwerken, fünf Ravelins, Gräbern mit Kurtinen, Außenwerken, Galerien und verschiedenen anderen Steinwerken um die Festungsstadt. Südlich davor lag das ,,Große Königliche Hauptquartier" als verschanztes Lager und Operationsbasis der Rheinlandheere mit eigener Bürgerschaft, Ställen für 3000 Pferde und Barackenlager für 12 000 Mann. Ein Hospital für 1000 Kranke lag am Moselufer unterhalb der Festung.

Dieses Kolossalgebilde hatte unter seinem Gouverneur, Graf Mental, 1690 eine Kampfbesatzung von 14 Regimentern mit zusammen 8450 Mann, 155 Geschützen und Riesenvorräten, zum Beispiel wohl 2000 Stück (d. h. Fuder) Wein. Die Gesamtanlage war doppelt so stark wie ihre Stützen Saarlouis und Luxemburg und die einzig unbezwungenen Gegner Koblenz und Rheinfels.

Aber Frankreich konnte eine so unerwartet teure ,,Zwingfeste", 100 km tief im ,,verheerten" Rheinland, auf die Dauer gegen das aufgeschreckte Europa nicht halten und bot schon 1692 an, sie zu schleifen, wenn Kaiser und Reich dafür auf Straßburg verzichteten. Holland und England versuchten zwar, Mont Royal unzerstört einzuhan­deln, aber Frankreich gönnte seine Musterfestung natürlich nicht seinen Gegnern und ließ sie 1698 nach dem Frieden von Rijswijk schleifen. So endete dieser unnahbare und fast unbekannte Gigant fast spurlos unter Schutt und Gestrüpp versunken und vergessen.

In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts ist es dem Heimatbildner und Gründer des Mittelmoselmuseums, Dr. Ernst Willen Spies, zu danken, daß an Hand von Originalplänen aus Pariser Archiven auf dem Mont Royal Ausgrabungen durchgeführt werden konnten, und zwar gezielt dort, wo Sprengpläne auf erhaltene Restsubstanzen hinweisen. Zu diesem Zweck gründete Dr. Spies eigens einen Heimatbund der Mittelmosel, der am 15. Juni 1930 aus der Taufe gehoben und am 11. März 1932 unter der Nr.20 im Vereinsregister unter ,,Überörtlicher Heimatbund" eingetragen wurde. Er umfaßte alle am Fuße des Mont Royal gelegenen Ortschaften: Kinheim, Kröv, Wolf, Traben-Trarbach, Starkenburg, Enkirch, Kövenig und Burg. Dieser Heimatbund machte es sich optimistisch zur Aufgabe, die Festung freizulegen und dem Fremdenverkehr als einmalige Attraktion zu erschließen. Aus den Jahren 1929-1937 resultieren die Hauptgrabungen, teils mit freiwilliger Hilfe hiesiger Einwohner, teils mit gelenktem Einsatz des Reichsarbeitsdienstes, letzterer nicht ohne politische Demonstration.

Am 20. Juli 1930 wollte Reichspräsident von Hindenburg die Festung besuchen, wurde aber durch eine Regierungskrise daran gehindert.

Der VDA Verein für das Deutschtum im Ausland - veranstaltete im Jahre 1934 seine große Grenzlandfeier auf diesem Schicksalsberg mit 12 000 Besuchern aus dem In-und Ausland. Die Organisation dieser Massenbewegung glich einem generalstabsgerechten Aufmarschplan und ließ die Doppelstadt und ihren Schicksalsberg für eine Zeitsekunde überregional in das nationalsozialistische Geschehen rücken.

Ansonsten dienten die Ausgrabungen ausschließlich dem Fremdenverkehr - unvergessen die munteren Führungen mit Dr. Spies - , bis Zeit und Vegetation vornehmlich in den sorgenreichen Kriegsjahren 1939 - 1945 abermals den Schleier des Vergessens über die Festungswerke ausbreiteten. Natur und Verfall durch Verwitterung bedingten das Desinteresse, zumal nach dem Kriege wichtigere Aufgaben warteten. Nur so konnte es auch geschehen, daß die Stadtverwaltung die freien Festungsflächen mit Jungwald bepflanzte. Erst mit dem lebhaften Fremdenverkehr, der sich bereits in den sechziger Jahren bemerkbar machte, entsann man sich der im Westen einmaligen Sehenswürdigkeit und ist in jüngster Zeit dabei, Mont Royal wieder dem Fremdenverkehr zu erschließen.

3. Das Wolfer Kloster     

Die ,,Liebfrauenkirche auf dem Göckelsberg", so der offizielle Name des Wolfer Klosters, ist eine der ältesten Pfarrkirchen des Moseltales. Das läßt sich aus ihrer Höhenlage außerhalb der umliegenden Ortschaften und aus ihrer später überlieferten Priestergemeinschaft erschließen. Die Bauart des Turmes weist auf eine Entstehung im 12.113. Jahrhundert hin. Urkundlich erwähnt wird die Kirche erst im Jahre 1255, in dem der Patronat über sie von Rudolf und Reiner von der Brücken und Friedrich von Crove dem Kloster Machern geschenkt wurde. Dieser Patronat war an den Marienaltar geknüpft, der in einer Urkunde vom Anfang des 14. Jahrhunderts gelegentlich einer Stiftung für ein Ewiges Licht vor dem Altar namentliche Erwähnung findet.

Die Kirche hatte sich dann der Gönnerschaft der Landesherren, der Grafen von  Sponheim, zu erfreuen, deren Erben im Jahre 1478 angeben konnten, daß ihre Vorfahren in der Kirche fünf Altäre gestiftet und Altaristenstellen dazu dotiert hätten. Der Johannisaltar war eine Stiftung des Grafen Johann III. von Sponheim vom Jahre 1389, der mit zwei Dritteln des Zehnten aus Wolf belehnt war. Das Erbe ging 1456 an die Pfalzgrafen von Zweibrücken.

Durch die Vereinigung eines Pfarrers mit sechs oder sieben Altaristen entstand somit ein stiftsähnliches Priesterkollegium. Graf Johann V. von Sponheim erweiterte die kirchliche Anlage durch den Bau von Häusern für die Priester. Nach dem schrittweisen Erwerb der Patronats- und Zehntrechte beriefen die Landesherren die Brüder vom Gemeinsamen Leben aus dem Markusstift in Butzbach'. Diese gingen bald an umfangreiche Erweiterungen ihrer Klostergebäude.

Im Jahre 1498 wurde ein Keller in den Felsen gehauen, am 27. Juli 1498 der Grundstein zu einem neuen Klostergebäude gelegt, das Dach wurde 1500 aufgesetzt. 1506 wurde eine Annakapelle geweiht. Infolge der Reformation, zu der sich die Grafschaft Sponheim bekannte, wurde 1560 das Kloster aufgelöst und sein Vermögen unter die Kirchen und Schulen der Hinteren Grafschaft Sponheim und die im Dorf Wolf begründete Schaffnerei verteilt, ein Teil der Gefälle der neuen Lateinschule in Trarbach überwiesen.

Die Klosterkirche behielt ihre alten Pfarrechte. Während der spanischen Besatzung 1622 - 24 fand dort vorübergehend katholischer Gottesdienst wieder statt. Infolge des Dreißigjährigen Krieges geriet die Kirche in eine solche Verwahrlosung, daß man 1685 an der Stelle der 1491 errichteten Servatiuskapelle einen Neubau im Dorf Wolf als Pfarrkirche errichtete. Seitdem verfiel der stattliche Bau auf dem Berg immer mehr; das Steinmaterial wurde 1782 bei der Errichtung eines neuen Schaffnereigebäudes und bei vielen späteren privaten Wohnbauten genutzt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren die Ruinen noch weit bedeutender als heute.

4. Das Mittelmosel-Museum

Jeder Ort an der geschichtsträchtigen Mosel hat seine Heimatforscher - in Traben-Trarbach waren es Dr. Disselnkötter und Dr. Ernst Willen Spies. Ihr Wirken und Wissen ging über heimatliche Belange hinaus. Sie waren moselauf und moselab bekannte Persönlichkeiten. Dr. Disselnkötter erwarb sich Verdienste um die Erforschung der Heimatgeschichte; seine Publikationen, insbesondere über das Wirken der Gräfin Loretta, geb. Salm, auf der Starkenburg (1324-1331), werden als wissenschaftliche Werke von hohem Rang zitiert. Dr. Spies gründete am 1. April 1928 das Mittelmosel-Museum, seiner Zeit die einzige Einrichtung solcher Art zwischen Trier und Koblenz. Er stellte seine Heimatsammlung mit Schätzwert von ca. 8000 RM Anschaffungskosten zunächst leihweise zur Verfügung und eine spätere Stiftung an die Stadt in Aussicht. Der Stadtrat schloß hierüber am 23. September 1930 mit dem Museumsleiter einen Vertrag. Die vielen und wertvollen Exponate fanden im Trabener Bürgersaal eine erste Heimstätte. Schwerpunkte der Schaustücke bildeten die Funde auf der Grevenburg, wie Waffen, Harnische, Geräte und anderes. Neben Dokumenten aus dem 15. - 17. Jahrhundert haben Sammlungen von Trachten, Brauchtum und heimischem Handwerk traditionsreicher Familien diesen Museumsfundus durch Nachlässe ergänzt. Die Besichtigungen waren mit Vorträgen der Herren Dr. Disselnkötter, Rektor Gebhard und Dr. Spies verbunden.

Mit der Erschließung der Festung Mont Royal und ihrer ergiebigen Funde wurde der nur provisorisch unterteilte Museumssaal bald zu klein. 1937 siedelte das Museum in den Nachbau des ehemaligen Kommandantenhauses der Festung Mont Royal um und blieb dort bis 1955. Der Schwerpunkt verlagerte sich auf die geschichtliche Bedeutung der inzwischen ausgegrabenen Festung Mont Royal mit wertvollen Dokumenten, Karten, Original-Bauplänen und weiteren Unterlagen aus Paris.

Der Landkreis Zell kaufte das Haus zu einem Vorzugspreis von 35 000 RM von der DSG-Kellerei (Deutsche Schlafwagen-Gesellschaft) und baute diese unter Hinzunahme von Privatgeldern mit ca. 12 000 RM museal um. Im Zweiten Weltkrieg konnte das Museum nicht gepflegt werden. 1945 wurde das Haus durch die Brückensprengung beschädigt und verwahrloste dann noch mehr, bis der 1946 aus dem Kriege zurückkehrende ,,Museumsvater" die Schäden mit Besatzungshilfe und Selbstopfern behob. Nun verkaufte der Kreis Zell - seiner Trägerschaft müde - 1954 das Museumsgebäude der Stadt für 40 000 DM zu günstigen Raten und der Bedingung, das Museum weiter zu pflegen. Der Stadtrat beschloß jedoch, in das Gebäude die Dienstwohnung des Bürgermeisters zu legen. Das Mittelmosel-Museum sollte in das museal wertvolle Stammhaus Böcking in Trarbach übersiedeln, welches von den Nacherben der alteingesessenen Patrizierfamilie erworben werden konnte. 1955 erfolgte die endgültige Verlagerung aller Schaustücke in das Böckinghaus am Moselufer Trarbach. 30 größere und kleinere Räume und Kammern standen zur Verfügung. Nach dem Kriege war dieses Patrizierhaus von Kleinfamilien und Flüchtlingen bewohnt. Der Umzug gestaltete sich deshalb sehr langwierig. Er wurde fast ausschließlich von dem Museumsgründer Dr. Spies bewältigt, kaum mit der Hilfe der Stadt und nur selten mit zur Verfügung gestellten Hilfskräften. Erst nachdem die Stadt, seit 1959 Hauptträgerin des Museums, einen handwerklich begabten Haus- und Museumswart anstellte, dazu eine Teilhilfe zum Reinigen, konnte die Einrichtung zügig vorgenommen werden. Trotzdem fehlte das Konzept folgerichtiger Abgrenzung der verschiedenen Zeitabläufe, die heute in die Hauptgruppen Vor- und Frühgeschichte, Geschichte der Stadt Traben-Trarbach und Mittelmosel, Grevenburg 1350-1734, Mont Royal 1688 - 1698, Weinwirtschaft und Winzerstand, Handwerk, Wohnkultur, Trachten und Brauchtum gegliedert sind. Die Probleme der anschaulichen Unterbringung in überladenen Räumen und der Absiche­rung vor Zugriffen konnten nicht gelöst werden. Deshalb wurde die Sammlung mehrmals durch Diebstähle dezimiert.

Nach der Verwaltungsreform bewilligte der Kreis Bernkastel-Wittlich einen jährlichen Zuschuß von 30 000 DM, der sich jedoch allein durch Personalkosten aufbraucht und nicht der Pflege der Sammlungen dient.

Anfang der siebziger Jahre schlug die Stadt Traben-Trarbach ein Anerbieten des Kreises Bernkastel-Wittlich aus, das Mittelmosel-Museum auf Kreisebene zu übernehmen. Die Meinung, damit evtl. das Eigentum an den Sammlungen zu verlieren, war irrig. Verloren gingen der Stadt lediglich Zuschüsse und die Sonderstellung des Museums im Raum Trier-Koblenz.

1975 starb der ,,Heimatbildner " und ,,Heimatdiener", der ,,Vater des Mont Royal" oder der ,,Berggeist" - wie Dr. Spies sich selbst gern nannte   infolge eines tragischen Verkehrsunfalls und hinterließ ein Erbe von unschätzbarem Wert. Die Sammlungen waren zwischenzeitlich als Stiftung in das Stadtvermögen eingebracht, aber dem Haus fehlte die Führung. Die Stadt Traben-Trarbach bildete ein Museumskuratorium, welches sich aus den Herren Dr. Zahn, Hauptkustos des Landesmuseums Trier, Bürgermeister Gerrit Spalink, Dr. Johannes Hönl, Gieselher Castendyck, dem Stadtrat und den Damen Liselotte Castendyck und Carola Wardelmann zusammensetzte. Museumswart Ohletz verwaltete mit Umsicht während des Interregnums das Erbe. Heute wird das Museum von dem 1980 gegründeten Museumsverein betreut und von dessen Vorsitzender und dem Vorstand geleitet.

Mit einem Kreiszuschuß, Spenden einer hiesigen Bank und bescheidenen Stiftungen wurde 1982 die erste Anschaffung von sechs Vitrinen möglich und das Museum in der oberen Etage neu gestaltet. Freiwillige Helfer, überragend Frau Wardelmann, unterstützten unermüdlich die Erste Vorsitzende Liselotte Castendyck' so daß sich deren Konzept der Neugestaltung mehr und mehr verwirklichen läßt.

Die Besichtigung der Schauräume beginnt in der dritten Etage. In diesem Obergeschoß wurden die neuen Vitrinen eingerichtet, so daß das Haus jetzt der angestrebten chronologisch- didaktisch aufbereiteten Dauerausstellung nähergerückt ist. Sie zeigt die geologische Erdgeschichte unseres Raumes. Vor- und Frühgeschichte aus der Hallstattzeit und Funde aus keltischer Besiedlung schließen sich an. Die zahlreichen Funde aus der Römerzeit sind leider auf wenige Stücke beschränkt, da die wertvollen Funde im Landesmuseum Trier gezeigt werden. Reicher präsentiert sich die Zeit der Franken. Das Mittelalter steht im Zeichen der Sponheimer Grafen und ihrer Grevenburg, deren Modell in diesem Schauraum dominiert, Waffen, Helme, Rüstungsteile und Kriegsgerät sind anschaulich dargestellt. Der folgende Raum ist ,,Alt-Traben-Trarbach" gewidmet mit Modell der Stadt, Siegeln und Urkunden und mit Requisiten des täglichen Lebens. Meister- und Zunftbriefe zeugen von reger Handwerkerschaft. Anschließend betrachtet der Besucher eine Vielzahl von Geräten und Handwerkszeug aus dem Weinbau und der Kellerwirtschaft, aus dem Küferhandwerk und aus Nachlässen der Zünfte. Kostbare Weingläser und Pokale, alte Flaschenformen, Bilder aus dem Leben des Winzers

Gebrauchsgegenstände und Kleidung, darunter der noch einzig erhaltene Winzerkittel aus dem 17. Jahrhundert vervollständigen den Gesamteindruck dieses heute noch dominierenden Wirtschaftszweiges.

Der große Mittelsaal ist der Festung Mont Royal gewidmet. Es werden Fundstücke von Ausgrabungen gezeigt, Waffen, Uniformen, Originalbaupläne und große Land- und Lagekarten aus der Bauzeit 1688 bis 1698.

In dem Dachgeschoß sind lebendig dargestellt eine Uhrmacherwerkstatt, eine Schusterei, eine Spinnstube und bäuerliche Wohnkultur aus dem 17. und 18. Jahrhundert.

Die Mitteletage und das Hochparterre zeigen die Einrichtung eines herrschaftlichen Hauses aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Der Besucher geht durch die eingerichteten Räume und sieht Bilder von Wentzing, Stiche von Merian, Bodmer und Hoffmann. In der unteren Etage weilte 1792 Goethe und wurde dort gastfreundlich bewirtet. Im Speiseraum mit den Delfter Kacheln hängt die Ahnengalerie der Familie Böcking -Wandgemälde und Grafiken sind im Original erhalten. Man hat den Einblick in eine alte Apotheke, in die Hausküche mit Geschirrschränken, Spülstein und Feuerstelle und in den Gesinderaum. Trachten und Brauchtum ist der letzte Schauraum gewidmet. In dem barocken Treppenhaus sind Moselgrafiken, Taken- und Kaminplatten aufgereiht, in den Fluren sind Uniformen aller Art, Degen und Gewehre zu bewundern.

Obwohl das Mittelmoselmuseum mit den seit 1980 vom Kreis großzügig geförderten Museen in Bernkastel (Schwerpunkt Weinbau) und Wittlich (Schwerpunkt einheimisches Handwerk) nicht Schritt halten kann, bleibt es auch in Zukunft ein beachtenswertes Kleinod unserer Stadt.

Vgl. oben Kap. VII.

Literatur:

H. Vogts , Die Kunstdenkmäler des Kreises Zell a. d. Mosel, 1938. In: Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz, hrsg. von P. Clemen, Bd. 19, 3, 5.341347.

H. Vogts, Die Kunstdenkmäler des Kreises Bernkastel, t935. In: Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz, hrsg. von P. Clemen, Bd. 15,1, S.383-395.

0.Th. Müller, Aus der Geschichte Traben-Trarbachs, 1962, S.84-88.

G. Castendyck, Mont Royal' die vergessene Festung. In: Burgen und Schlösser. Zeitschrift der deutschen Burgenvereinigung e. V. für Burgenkunde und Denkmalpflege, 24. Jg., 1983, S.110-1t3.

    Ders.' Burgen, Festungen und Ruinen rund um Traben-Trarbach, 1983.

H. Disselnkötter, Die Grevenburg und die Stadt Traben-Trarbach in ihren An äugen, Teil 1 u. 2.In: Trarbacher Zeitung Nr. 132 vom 9. Juni 1934 und Nr.166 vom 21. Juli 1934.

H. Rodewald, Die Wolfer Klosterkirche. In: Rhein. Heimatblätter 1, 1924, 5. 13   15. Chr. v. Stramberg, Das Moselthal zwischen Zell und Konz, 1837, 5.70105.