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Die Hungersteine

von Bärbel  Caspary

Auf der linken Moselseite, dicht bei Traben, genau gesagt bei Litzig, kamen sie immer hervor, die Hungersteine. Das ist eine Schieferplatte, die normal immer dicht unter der Wasseroberfläche lag, und wenn es ein wasserarmes Jahr war, dann kam sie hervor. Hungersteine werden sie genannt, weil man Wasser oder Regenmangel mit Not und Hunger verband. Jedem aber, der etwas von der Rebe weiß, ist es klar, daß dieser Mangel den älteren Stöcken nichts ausmacht, da ihre Wurzeln tief in dem Erdboden nach Wasser suchen können. Nur die jungen Reben leiden und verdorren, wie es ja im Jahre 1976 war. Der Wein aber der anderen Stöcke ist dann besonders gut. So gut, wie die Sonne es mit ihm meint. Und mit Wein haben unsere Hungersteine auch zu tun. Sie selbst natürlich nicht, aber es hat sich von Hungerjahr zu Hungerjahr eine Sitte eingebürgert. Kamen die Steine in Sicht, öffnete man sie, und in einer Vertiefung lagen mehrere Flaschen Wein vom vorigen Hungerjahr. Schleunigst wurde der Wein herausgeholt, verkostet und neuer von diesem Jahr hineingelegt. Das war immer ein konnte man fast bis zur Hälfte der Mosel, trokkenen Fußes gehen, und daneben erst rauschte der Fluß. Auf der anderer Seite stand der Wald bis dicht an die Woog So nennt man die rechte Seite der Mosel Dort hat sie sich, beschleunigt durch die Schleife bei Traben-Trarbach und beengt durch die links bis in die Mitte drängelnde Felsspalte, tief ausgegraben. Man sagt was von 10 bis 20 Metern Tiefe an der Woog, und gefährlich wäre es hier, für Mensch und Tier.

So feierte man also die Hungersteine auf der Mosel. Die Starkenburg schaute oben vom Waldberge über die Weinstöcke auf das fröhliche Treiben. Aber es kam die Kanalisation des Flusses.

1963 wurde der letzte Wein herausgenommen, dann versanken die Hungersteine, für immer wahrscheinlich, im Strom.
Jetzt fahren die hübschen hellen Fahrgastschiffe und die vielen Schubschiffe über die Mosel.