GESCHICHTEN AUS DER HEIMAT

in der Zeit von 1794 bis 1904 (Franz. Revolution bis zur Stadtvereinigung)
Eine Geschichte in 22 Teilen verfasst von Willi Westermann Teil IX

Kunst am Brückenbauwerk

Zurzeit des Brückenbaus war es üblich, Szenen und allegorische Darstellungen aus der Ortsgeschichte oder Region als ,,Poetisches für Herz und Auge" in bildhauerischen Darstellungen als schmückendes Beiwerk am Objekt anzubringen. Vor Fertigstellung der neuen Moselbrücke hatte Bonn nach Beuel eine solche über den Rhein fertig gestellt, die dem hiesigen ,,Bauwerk ähnelte". Dort wählte man vornehmlich Motive aus dem Studentenleben: fröhliche Burschen und lustige Musikanten. Eine Szene erinnerte aber auch daran, dass Beuel sich nur mit einem geringen Betrag an den Bankosten beteiligt hat.

Dein Trend der Zeit folgend, hat man auch an der neuen Moselbrücke Motive mit Bezug auf Trarbach und Traben gewählt. Leider versäumte man von städtischer Seite, die Motivbeschreibung festzuhalten, sodass einige Darstellungen noch heute angezweifelt werden. Die Steinmetzearbeiten führte die Koblenzer Firma Past aus, die ihre Aufträge zur Motivgestaltung nur über die Bauherrin Stadt Trarbach erhalten konnte. Dort müssen auch die Entscheidungen über die zur Ausführung kommende Darstellungen gefallen sein. Wie dem auch sei, bis auf die im Oberbau befindlichen sind noch alle vorhanden:

Auf halber Höhe des Brückenabgangs der Trabener Seite befinden sich rechte und links zwei Motive, deren nachfolgende Deutung der damalige Bauleiter energisch bestritt, aber 1899 keine gegenteilige Erklärung anführen konnte. Rechts sitzen auf einem Ast drei Raben auf Tuchfühlung nebeneinander. Der rechte flüstert dem mittleren heimlich etwas ins Ohr, während der linke in selbstzufriedener Pose geduldig darauf wartet, mit in das Gekrächze einzustimmen, das später alle Drei einstimmig anstimmen, denn der Ast, auf dem die Raben sitzen, ist als großer Mund dargestellt. Und dessen Ruf dringt über die Mosel zur anderen Seite, wie aus der Darstellung gegenüber ersichtlich ist.

Der Motivhintergrund auf der linken Seite ist eine Uferszene, in die von rechts ein Entenkopf mit Hals hineinragt. Die zweite Ente ist mit dem Kopf abgetaucht und streckt in natürlicher Geste ihr gefiedertes Hinterteil in Richtung Raben. Die drei Raben sollen - wie die damalige Presse berichtete die Stadträte von Trarbach sein, die sich über den geringen Betrag von Traben in Höhe von 90.000,- Mark zum Brückenbau unterhalten, um später ihre Meinung, aus einem Mund, in Richtung Traben kundzutun. Die beiden Enten auf der gegenüberliegenden Seite symbolisieren die Gemeindevertretung von Traben. Während die abgetauchte durch ihr Hinterteil zum Ausdruck bringt, dass man in Traben nichts mehr von weiteren Zuschüssen hören will, bringt die andere zum Ausdruck, dass Trabens Beteiligung in Höhe des Staats oder der Provinz genug sei. In einer nachträglichen Presseinformation, die u.a. die Kölner Zeitung veröffentlichte, hebt der Stadtbürgermeister die Leistung Trabens hervor und betont den zusätzlichen Landkauf der Landgemeinde. Inder Wölbung des ersten Brückenbogens auf der Trabener Seite hing ein etwas groß geratener ,,Händedruck" aus verzinktem Eisenblech. ,,Der kräftige Händedruck will den Nachkommen das Zeichen überliefern, wie es in Trarbach und Traben gehalten wurde als es hieß, das große Werk zu schaffen", verlautet die Trarbach- Trabener- Zeitung.
Bevor am 13.05.1945, vormittags um 9.11 Uhr, vom Taubenhaus der Trarbacher Weinbergslage per Knopfdruck durch die deutsche Wehrmacht die Brückensprengung erfolgte, veranlasste der damalige Leiter des Postamtes, Oberpostmeister Erich Müller, einen Angehörigen des Sprengkommandos, gegen einige Flaschen Wein den Händedruck sicherzustellen, der Jahrzehnte hindurch im Weingut Kunz-Müller in der Wildbadstraße aufbewahrt und vom Sohn Wolfgang später ins Mittelmosel-Museum gebracht wurde.

Die Eisenbögen mit Stützen und Verstrebungen waren mit tausenden von Nieten in Kugelform versehen. Insbesondere die beidseitigen Geländerstäbe hatten große Kugeln als Ornamentschmuck. Diese Kugeln und Nieten symbolisierten Traubenbeeren, über die Traben und Trarbach in Fülle verfügte. Überhaupt sind Trauben und Rebenranken das Hauptthema in der Motivgestaltung. Am großen Turm der Brückenschenke befinden sich am Fuße der Turmhaube zur Moselseite zwei vorstehende Frauenköpfe. Ihre Haarpracht verschwindet fast vollständig unter der Traubenfülle auf ihren Häuptern, die sich von Kinnhöhe aufwärts zu einer Haube wölben. Mit strahlender Miene, freudig und zufrieden blickend, mit dankbarem Gesichtsausdruck schaut eine der beiden Frauenköpfe moselaufwärts und symbolisiert die guten Rieslingsweinjahre. Ihre Zwillingsschwester aber richtet ihren Blick moselabwärts und verzieht bösartig, unzufrieden und finster in die Weite schauend ihr Hexengesicht. Ausdruck schlechter Weinjahre, die sie auf den Blocksberg wünscht. In ihrem Kopfschmuck bedecken Blätter einen Teil der Trauben. Neben beiden erhebt sich ein Kamingiebel mit gemauertem Ortgang bis zum First, der ebenfalls mit Trauben und Blättern, die wie Schnecken mit Häuschen zur Spitze streben, versehen ist. In die Aussenwand sind zwei Bildnisse eingearbeitet, die an Dichter erinnern, die einst die Mosel in Versen rühmten, die heute noch bekannt sind. Der aus Burdigala (Bordeaux) stammende keltische Römer Ausonius, der als Prinzenerzieher am Kaiserhof zu Trier 3701371 n.Chr. in rund 360 Versen die Mosel besang, grüßt aus dem römischen Siegeskranz die Betrachter. ,, Wenn der alte Ausonius heutzutage gelebt hätte", schreibt am 24.12. 1899 die Trarbach- Trabener- Zeitung, ,,und wenn er zufällig am letzten Mittwoch (dem Tag der Brückeneinweihung) in den berühmten Moselorten anwesend gewesen wäre, hätte die Begeisterung seiner Dichtkunst noch höhere Töne entlockt".

In einem weiteren Motiv sind der Textdichter Pf. Reck und Komponist Schmidt sinnvoll vereint, die damals vor rund 55 Jahren verkündeten: ,,Im weiten deutschen Lande fließt mancher Strom dahin". Der Torbogen, der ursprünglich nur einstöckig gebaut war, stellt im aufgesetzten Schlussstein zur Bergseite das älteste Siegel der Stadt dar, das aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts stammt. Hierüber erhebt sich eine Rebenlaube in Stein, in der sich ein junges Paar in Winzertracht schwungvoll im Lesetanz dreht. Die arkadenartigen Elemente, die sich an der oberen Verstärkung des noch vorhandenen Stadtturms an der Mittelstraße anlehnen, sind abgesetzt am kleineren Zwillingsturm zu sehen.

Das Wirtshausschild über dem Eingang der Brückenschenke hat seine besondere Entstehungsgeschichte, die uns in einem vor einigen Jahren aufgefundenen Vorgang überliefert ist. Als die für den Brückengeldeinnehmer vorgesehene Wohnung als Weinstube eingerichtet wurde, dachte keiner an das Schankschild. Aufgrund der leeren Kassen richteten die Stadtratsmitglieder Anfang 1900 an Prof. Bruno Möhring, der nicht nur ein hervorragender Architekt sondern auch ein Freund des Moselweines war, die Bitte, einen stilechten Entwurf anzufertigen und den in der Moselwährung Wein bezahlen zu dürfen. Möhring sagte zu, und die Stadtratsmitglieder spendeten den Wein selbst. Die Spenderliste liegt noch vor.

Der Bogen über dem Abgang der Trarbacher Brückentreppe wird gekrönt durch den Kopf einer Winzermaid, der von einer Fülle reifer Trauben umgeben ist. Die Rückseite schmücken Blumen. Der Bogen dient als Verbindung zu einer Säule, an die sich eine wuchtige überdachte Sandsteinbank anschließt, der sich auch schwer gewichtige Benutzer anvertrauen können. Die Säule steht jedoch in ungleichem Längenverhältnis mit den beiden Türmen des Brückentores.

Auch wenn sie das größte Symbol unter den Darstellung ist, geht aus ihrer Beschreibung der Sinn nicht hervor. Bereits 1899 gab sie den Traben-Trarbachern Rätsel auf und während den Einweihungsfeierlichkeiten Anlass zu Fragen. Die unteren Zweidrittel bestehen lediglich aus blanken und eckigen Sandsteinblöcken, über deren vorstehenden Abschlussstein sich ein Kranz mürrig dreinschauender Männerköpfe befindet mit ungepflegten Haarschöpfen. Über diesen, gewissermaßen auf Haarfühlung, sind verhältnismäßig große und breite Bänder als Ringe, die sich an den Enden berühren, zusammen gelegt. Von deren Kontaktstellen aus führen Streben bis zur Säulenspitze, die von einem belegten Rabennest gekrönt wird. Bereits Ende Dezember 1899 fragte ein Einsender in der hiesigen Zeitung, was diese Säule mit den ,,Fratzen und Ölgötzen" zu bedeuten habe. Inder Nestmitte auf der Säulenspitze sitzt in selbstzufriedener Pose ein großer Kohlrabe. Über den Nestrand blick die Brut ringsum herab.

Ein Blick in die Kulturgeschichte des Rabenvolkes lehrt uns, dass Freund Rabe dort unterschiedliche Deutungen erfährt. Als Unglücksrabe kündigt er Not- und Kriegszeiten an. Viele Völker verehrten ihn als klugen Vogel, als weisen Raben. Ein lebendiges Requisit war er früher Hexen und Zauberern, denen er als Markenzeichen auf der Schulter saß. Unsere keltischen Vorfahren nahmen auf ihren Wanderzügen seine Führungsdienste in Anspruch, ebenso wie Kapitän Noah eines sintfluttüchtigen Schiffes, der laut 1. Mos. 8,7 einen Raben zwecks Landsuche ausfliegen ließ. Von allen Deutungen und Bedeutungen, die noch angefügt werden können, scheint die, die auch auf einem Trierer Sarkophag aus alt-christlicher Zeit dargestellt ist, der hier gemeinten am nächsten zu kommen. Dort ist die Arche Noahs als Kirche dargestellt, Symbol des Miteinanders, um zu überleben. Der dort außen stehende Rabe kennzeichnet die Abtrünnigen und Ausgeschlossenen. Und die sterben, wie die Brut zeigt, nicht aus. Die Streben führen direkt zu den zerbrochenen Ringbändern und symbolisieren zerbrochene (Freundschafts- )Ringe. Die Übeltäter sind in dem Kranz höhnender Gesichter dargestellt. Bei den Fratzen, verlautet es aus dem Rathaus, handelt es sich um solche Mitbürger und Außenstehende, die Streit und Zwietracht zwischen Traben und Trarbach säen, die Unfrieden stiften und die Einigkeit stören.

Unterhalb dieser Gesichter ist noch sehr viel Platz auf der Schandsäule. Dort sollen heute und in der Zukunft all diejenigen in Stein verewigt werden, die Traben-Trarbachs Frieden antasten. Durch diese Darstellung, der auch im Größenverhältnis zu den anderen Motiven Rechnung getragen wurde, wird auf das schwierigste Problem beider Orte mahnend hingewiesen: die Uneinigkeit.