Zur Erinnerung an Prof. Dr. Heinrich Disselnkötter.
1860 - 1950 von Dr. G. Böse

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Vor 125 Jahren, am 14. Juni 1860, wurde Heinrich Disselnkötter geboren, der von 1896 bis 1939 in Traben-Trarbach als hochgeachteter Gymnasiallehrer und Gelehrter lebte und wirkte. Er hat sich als Erforscher der städtischen und sponheimischen Geschichte bleibende Verdienste erworben. In einer Zeit, in der Geschichte und insbesondere die Heimatgeschichte eine erfreuliche Wiederbelebung erfahren, ist es eine angenehme Pflicht, dieses Mannes zu gedenken.

Sein Geburtsort war das Dörfchen Huckarde bei Dortmund. Der Vater stammte aus kleinbäuerlichen Verhältnissen, seine Mutter aus einer Bürgerfamilie in Hörde. Der Sohn, ursprünglich katholisch getauft, wurde nach dem Besuch der evangelischen Volksschule konfirmiert und evangelisch. Der Beruf des Vaters, eines Eisenbahnbeamten, brachte mehrmaligen Orts- und Schulwechsel mit sich. Es fiel dem Vater nicht leicht, den begabten Jungen auf eine weiterführende Schule zu schicken.

Nach dem Besuch der Realschule in Witten und des Kaiser-Karl-Gymnasiums in Aachen bestand der Sohn die Reifeprüfung 1880 am städtischen Gymnasium in Barmen. Es folgte das Studium der Philologie an den Universitäten Leipzig und Bonn. Vornehmlich die Leipziger Professoren Maurenbrecher und von Noorden prägten den jungen Historiker. In Bonn wurde er am 14. März 1885 mit einer Dissertation zur Kritik der ,,Histoire de mon temps" Friedrich des Großen zum Dr. phil. promoviert. Zwei Monate später legte er das Staatsexamen für das höhere Lehramt ab in den Fächern Latein, Griechisch, Geschichte, philosophische Propädeutik und Erdkunde. Nach einem Probejahr in Elberfeld und ersten Dienstjahren am Gymnasium in Wesel wurde er dort 1888 etatmäßiger Oberlehrer; als solcher kam er 1892 an das Ludwigs-Gymnasium in Saarbrücken. 1894 heiratete er Auguste Wessel aus Barmen.

In Saarbrücken schloß sich Dr. Disselnkötter der christlich-sozialen Bewegung Friedrich Naumanns an, der mit seiner Wochenzeitschrift ,,Die Hilfe" - später redigiert von Theodor Heuss - die Arbeiter zu staatlichen Aufgaben und nationaler Verantwortung führen wollte. Er rief dadurch den Zorn des Reichtagsabgeordneten und Saar-Industriellen von Stumm Halberg hervor, der ein Gegner des allgemeinen Wahlrechts und jeder Form von Organisation der Arbeiter war. Für konservative Ohren klang es nach Aufruhr, wenn die jungen Christlich- Sozialen formulierten: ,,Die Treue besteht nicht in stummem Gehorsam, sondern in offenem, ehrlichem Dienste, der sich nicht scheut, wunde Punkte der Gesellschaft als solche zu bezeichnen". In diesem Sinn nahm Disselnkötter zusammen mit jungen Lehrern und Pastoren 1896 an einer politischen Campagne für die Arbeiter gegen den mächtigen Hüttenbaron teil. Auf dessen Intervention an allerhöchster Stelle in Berlin wurden zwei der an der Pressefehde beteiligten Gymnasiallehrer ohne Anhörung am 19.2.1896 von Saarbrücken in die ,,Provinz versetzt, der eine an den Niederrhein nach Kleve, der andere, Dr. Disselnkötter, an die Mosel nach Trarbach.

Die für Disselnkötter anfangs ärgerliche Versetzung wurde der höheren Schule in Traben-Trarbach zum Segen, der Stadt zum Nutzen. Der Westfale wurde hier bald heimisch, zumal auch sein Schwiegervater nach Enkirch zog.

Dr. Disselnkötter fand an der Mosel in der bis dahin unerforschten Heimatgeschichte ein dankbares Betätigungsfeld. Als sein erster Beitrag zur Stadtgeschichte erschien 1899 das Büchlein ,,Die Grevenburg"', dessen Reinerlös der Verfasser der Restaurierung der Schloßruine stiftete. Trotz der ,,Stummschen Händel" entzog das Provinzial-Schulkollegium in Koblenz dem tüchtigen und pflichtgetreuen Oberlehrer nie das Vertrauen. 1906 verlieh ihm der kgl. preußische Kultusminister den Charakter eines Professors und kurz darauf den Rang eines Rates IV. Klasse. Im Gymnasium, wo er sich durch gediegenen Unterricht, ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und große Bescheidenheit die Achtung der Kollegen und Schüler erworben hatte, betreute er auch von 1899 bis 1925 die wertvollen Bestände der Bibliothek, die er systematisch zu einem wissenschaftlichen Instrumentarium ausbaute.

Prof. Disselnkötter war zweifellos der bedeutenste unter den Lehrern des damals humanistischen Gymnasiums. Der Altphilologe, der die lateinischen Klassiker zur Entspannung las, vermittelte seinen Schülern nicht nur gründliches Wissen, Klarheit im Denken, einen sauberen Stil, sondern gab ihnen auch Rat und Anregungen für das Leben. Eine seiner letzten Amtshandlungen war seine Rede zum Verfassungstag 1925. Am 30.9.1925 wurde der Studienrat - so die Amtsbezeichnung seit

1918 - Dr. Disselnkötter von Direktor Uerpmann in den Ruhestand verabschiedet.

Der Pensionär zog nun von dem Stadtteil Trarbach, wo er zunächst in der Brunnenstraße bei Bäcker Kaess, ab 1900 im Lehrerhaus in der Wildbadstraße 169 gewohnt hatte, nach Traben in die Sponheimerstraße. Jetzt konnte er sich ganz seinen historischen Studien widmen. Diese waren oft mit Reisen in die Archive und mit geduldiger, mühsamer Quellenarbeit verbunden. Im Gymnasium, wo heute die Schriften und der wissenschaftliche Nachlaß Disselnkötters gehütet werden, zeugen viele Hefte mit handschriftlichen Aufzeichnungen und Quellenabschriften von dem Forscherdrang, dem Fleiß, der Akribie und der Heimatliebe des Gelehrten. Was die Erforschung des sponheimischen Mosel-Hunsrück-Nahe-Raumes angeht, so wird der Name Disselnkötter immer neben Friedrich Back Vater und Sohn, Prof. Heinrich Baldes und Pfarrer Lic. Rodewald genannt werden müssen. Seine Forschungsergebnisse über die Moselsponheimer sind auch durch neuere Arbeiten nicht überholt.

In den 20er und 30er Jahren erschienen aus Disselnkötters Feder zahlreiche Studien und Aufsätze, so über die Anfänge der Grafen von Sponheim an der Mosel, die Traben- Trarbacher Kirchen im Mittelalter, über die Besitzungen des Aachener Münsterstifts in Traben, über den Corveyer Hof und Litzig, über die mittelalterliche Stadtwerdung, schließlich 1940 die Monographie über die Gräfin Loretta. So schuf Disselnkötter ein klares, wissenschaftlich abgesichertes Bild der Geschichte der jetzigen Doppelstadt im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Über die Heimatgeschichte hinaus hat er sieh aber auch Themen der allgemeinen Geschichte zugewandt, so Friedrich d. Gr., den Aachener Heiligtümern, Maria Stuart.

Der unglücklichen Schottenkönigin, über die er einen ersten Beitrag 1890 in der Historischen Zeitschrift verfaßt hatte, galten noch die letzten Studien des 90jährigen.

Die Forschungsbeiträge Disselnkötters wurden in angesehenen historischen Zeitschriften gedruckt; immer wieder, von 1901 bis 1939 schrieb er auch für die ,,Traben-Trarbacher Zeitung" und auch in der Schülerzeitung des Gymnasiums (1931/ 32). Eng arbeitete er lange Jahre mit dem Institut für Landeskunde der Rheinlande an der Universität Bonn zusammen, die ihn 1935 zum Goldenen Doktorjubiläum mit der Erneuerung des Diploms ehrte.

Nach dem Tode seiner Frau verließ der fast 80jährige 1939 das ihm zur zweiten Heimat gewordene Traben-Trarbach und zog zu seinem Sohn in das Pfarrhaus in Züschen (Waldeck), 1947 mit ihm nach Bad Wildungen. Hier starb er am 24. September 1950 im Alter von neunzig Jahren, bis zuletzt forschend und schreibend. In Enkirch, dessen mittelalterlichen Anfängen er auch nachgegangen ist, wurde er neben seiner Frau im Wesselschen Erbbegräbnis zur letzten Ruhe gebettet.

Von seinen fünf Kindern leben heute noch der Pfarrer und Kirchenrat i. R. Walther Disselnkötter, 81 Jahre alt, in Bad Wildungen und die Studienrätin i. R. Liesel Disselnkötter, die kürzlich in Frankfurt/M. ihren neunzigsten Geburtstag begehen konnte. Beide haben den Kontakt zur Moselheimat nie abreißen lassen.

Das Gymnasium, die Stadt Traben-Trarbach und ihre Heimatzeitung haben Grund, sich Heinrich Disselnkötters in Dankbarkeit zu erinnern.

(Mittelmosel- Zeitung v 14.6. 19M5)

Dr. G. Böse

Die Grevenburg

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