Im Oktober 1733 war es, da drohte unserm Vaterlande von Westen her wieder einmal ein furchtbarer Krieg. Wer von uns 1870 die hochauflodernde, allgewaltige Flamme nationaler Begeisterung miterleben durfte, der muss sich erst umdenken, um 1733 zu verstehen, wo Vaterlandsliebe sozusagen ein erstorbener Begriff, Teutschland ein Wort ohne Inhalt war. Selbst die nüchterne Erwägung, dass die gemeinsame Gefahr gegen den Erbfeind alle anderen Interessen und Rücksichten zurückdrängen müsse, will diesen, in Egoismus versunkenen oder sozial verkümmernden, Menschen nicht kommen. Und dazu kam noch der Fluch der Kleinstaaterei, die die Menschen kleinlich, engherzig und opferscheu macht. Am 10. Okt. erklärten die Franzosen dem Kaiser Karl VI. den Krieg; auf dem Regensburger Reichstag gab indes ihr Gesandter bekannt, mit dem deutschen Reich führe Frankreich keinen Krieg. Und die deutschen Reichsstände warteten so lange, bis die Franzosen eine Reichsfestung, Kehl, angriffen: da erst schickten sie ihre Absage nach Frankreich. Doch auch jetzt schlossen vier der mächtigsten Fürsten, die Kurfürsten von Baiern, von der Pfalz, von Köln und von Mainz sich vom Reichskriege aus und blieben neutral. - Doch anderes ist noch merkwürdiger. Karl VI. erliess damals für das Reichsheer eine Marschordnung , ( 137.Carl der Sechste Marche- Ordnung, Welche von Unsern in die Quartier und Postirung ziehenden Kayserl. Truppen am oberen Rhein zu halten und punktuel zu beobachten seyn wird." (Ohne Jahr und Druckort). Darnach muss denjenigen Reichsständen, deren Gebiet von den Reichstruppen passirt wird, vorher Anzeige gethan, die Anzahl der Truppen und die Daten des Ein- und Ausmarsches vorher mitgeteilt werden. Der Durchmarsch muss in gerader Linie ohne Umschweife erfolgen. Es sollen der Infanterie täglich nicht mehr als 2 Meilen, der Reiterei nur 3 Meilen zu marschiren zugemutet werden und der 4. Tag soll immer ein Rasttag sein. Curios berührt es uns ferner zu lesen, dass der Kaiser ein halbes Jahr später seinen Hofjuden und ungarischen Landesrabbiner Gabriel ins Trier'sche schickt, um höchstbenötigte 3000 Centner Pulver zu kaufen ( 138 Kurtrier Act. Misc. 50-52 (Orig.). Schon im Oktober 1733 hat Franz Georg von Trier sichere Nachricht erhalten,
dass ein feindlicher partisan (Spion), namens Pauli, sich fleissig in und umb Trarbach in
dortselbstiger Gegend aufhält und alles auf das genaueste auskundschaftet. Deshalb giebt er dem
Kommandanten die Weisung, "auf der Huth" zu sein, damit die in der Stadt liegende Garnison
nicht abgeschnitten werde. Dem Pauli aber soll nichts widriges zugefügt werden, um nicht den
geringsten Anlass zu Feindseligkeiten zu geben (139 Gr. Sponh. Mil. 30, 101 ff.). Seltsam berührt es, zu lesen, dass man damals den Steine werfenden Mörsern noch hohen Wert beimass; v. Stein bittet wiederholt darum, weil sie gerade besonders geeignet seien. Umsichtig verlangt er ein Dutzend kleine Feuerspritzen, 400 Paar neue Schuhe (à 1 Thlr.), ferner 20 Centner Tabak und 2000 holländische Thonpfeifen (143. ebend. 47; vgl. 40/41. ,,Artillerie, womit nach der Arth und Situation des orthes nit sonderlich vil ausszurichten, findet sich genug, doch wehren zwei 30 pfündige Eiserne Mörser zu steinwerffen und item etwa 20 Eisserne Handmortiers anzuschaffen."). An Lebensmitteln verfügt er jetzt für den Fall einer Belagerung über Korn für 9 Monate, einen Vorrat an Hülsenfrüchten für 3, an Käse für 2 Monate. Der Schinken und die Salzbutter langen für 3 1/2 Wochen, hingegen sind 9 Malter Salz und 54 Fuder Wein vorhanden, d.h. 11 Monate lang für den Mann täglich 1/3 Mass ( 144ebend. 55, datirt 30. März 1734, aber erst nach der Kapitulation unterschrieben, u. a. vom Grafen Siegfried von Wurmbrand.). Indes wuchs die Gefahr eines Ueberfalls von Tag zu Tag. Da setzte unerklärlicher Weise, drei Wochen, bevor ,er thatsächlich erfolgte, der Kurfürst den Freiherrn v. Stein ab und machte seinen Kammerherrn, den Obrist- Leutnant Ludw. Wilh. Freiherrn von Hohenfeld zu seinem Nachfolger. Hohenfelds Erscheinen war dem gerade bettlägerigen v. Stein mit der Weisung, den geheimen Aufträgen desselben unbedingt Folge zu leisten, vorher angezeigt worden. Nun überraschte er ihn mit dem Abberufungsbefehl und löste ihn auf der Stelle ab. Der Abgesetzte schrieb seinem Kurfürsten, eben hergestellt, er sei jederzeit bereit, auch anderwärts sein Leben für ihn zu opfern, und verliess Trarbach, nachdem er die Festung zum Empfang des Feindes gerüstet hatte. In drei Wochen konnte sein Nachfolger natürlich kaum in seinem Amte heimisch, kaum seinen Pflichten gerecht werden, obschon man ihm erlaubte, was man v. Stein verboten hatte: nämlich nötigenfalls mit militärischem Zwang die Nachbarschaft zu den noch erforderlichen Arbeiten heranzuziehen ( 145. Gr. Sponh. Mil. 30, 126-134.)
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