Durch den Frieden zu Utrecht (1713) ward den Niederländern die Bewachung der sog. Barrierefestungen an der französischen Grenze anvertraut und deshalb verzichteten sie gern auf Trarbach und seine Burg. Durch einen klugen Schachzug gelang es dem damaligen Trierer Kurfürsten, einem lothringischen Prinzen Namens Karl (l711-1715), sie an sich zu bringen. Er schloss mit den Holländern einen Bündnis- und Soldvertrag ab, wonach er - im Kriegsfalle und auf holländische Kosten -7 Bataillone aufstellen und unterhalten musste. Ein G e h e i m a r t i k e l wendet dem Kurfürsten das Trarbacher Schloss zu; mit Rücksicht auf das Gemeinwohl, das besondere Interesse Ihrer Hochmögenden und des Trierischen Landes" soll es ,,beim nahen Frieden" in keine anderen Hände übergehen als in diejenigen des Kurfürsten. Selbstredend enthielt ein solcher Vertrag eine schnöde Vergewaltigung unserer beiden Gemeinsherren, die man einfach bei Seite schob (82) C. St.-A. Kurtrier. Acta Miscell. 1730-1737. fol. 281. (Abschr.). Kaiser Karl VI. sagte nichts dazu, zumal da die Holländer in dieser Sache dem Kurfürsten ihre guten Dienste bei Sr. Maj. versprochen hatten. Und dabei hatte der Vater des einen noch unmündigen Gemeinsherrn, des Markgrafen Ludwig Georg Simpert, der berühmte Türkenlouis, Markgraf Ludwig Wilhelm dem Kaiser und dem Reich die wertvollsten Dienste geleistet. Zum Unglück waren die damaligen Gemeinsherrn unter sich auch noch heftig uneins: scharfe politische, religiöse und Interessengegensätze schieden sie. Die übereifrig katholische Mutter und Vormünderin des Markgrafen, Auguste, geb. Herzogin von Sachsen- Lauenburg, eine treffliche Regentin, hielt sich nach Oesterreich hin und suchte trotz des Beinheimer Vertrags eine Teilung der hintern Grafschaft herbeizuführen, wobei sie die Reichsgerichte und den Kaiser zu Hilfe rief (83) 5. Anm. 47.) - Die Pfalzgrafen hingegen, Christian II. (1671-1717) und Christian III. (1717-1735) waren beide lutherischen Bekenntnisses, neigten, da sie im Elsass reiche Besitzungen erheiratet oder ererbt und dorthin, nach Bischweiler und Rappoltsweiler, ihren Wohnsitz verlegt hatten, zu Frankreich, der letzte war gar aktiver französischer Generalleutnant (84) Lehmann, VolIst. Gesch. des Herzogtums Zweibrücken. Seite 480 ff.). Zur Freude der lutherischen Trarbacher wollten die Pfälzer von einer Teilung nichts wissen. Bei solcher Uneinigkeit ermangelten die Klagen dieser Kleinfürsten bei Kaiser und Reich erst recht der Wirkung. Und schnöde genug, als Christian III. sich beim Kaiser durch Vermittelung des damals allmächtigen Prinzen Eugen von Savoyen beschweren wollte, verwies ihn dieser an den Reichstag, ,,denn das sei eine Sache, die das ganze Reich betreffe" (85) C. St.-A. Gr. Sponh. Mil. 29, fol. 42.). Ausserordentlich geschickt wurde dann die geheime Abmachung in die That umgesetzt. Kurfürst Karl nahm, so scheint es, eine der in Trarbach liegenden Freicompagnieen in seinen Dienst und der kurtrierische Obrist Graf o'Connor besetzte, nachdem er noch ein kurtrierisches Kommando herbeigeholt (86) Nach Aufzeichnungen des Kirchenbuchs eine paderborner Kompagnie. Vgl. Trarbacher Species Facti (T. Sp. F.) Seite 14.), am 9. November 1713 kurz vor dem Abzug der Holländer (87) Trier zahlte den Generalstaaten für die übernommenen Defensionsmittel 36000 holl. = 28080 rhein. Gulden, an den ,,Entreprenneur" von Lieven für noch vorhandene Lebensmittel 1545 rhein. Gulden. Kurtrier. A. Misc. fol. 71.) Stadt und Schloss mit der Erklärung, es geschehe im Namen des Kaisers und des kaiserl. Generalissimus, Prinzen Eugen, und sei sein kurtrierisches Kommando ,,nicht anderst als vor Kaiserl. Truppen zu halten". Einige Tage darauf ,,visitierte" ein trierischer "Kriegscommissarius" Monreal Schloss und Stadt, lud die Amtleute aus der hintern Grafschaft, aus der Rhein- und Wildgrafschaft und den angrenzenden trier'schen Aemtern zu sich und verlangte, sie sollten gemeinsam für den Unterhalt der Trarbacher Garnison sorgen. Von den Amtleuten ausweichend beschieden, erklärte Monreal den gleichfalls zugezogenen Vorstehern der Trarbach, sie müssten 2-3 Monate lang die ,,benötigte service a vanciren (vor schiessen!), bis die Sache geregelt sei. Aber nicht Monate lang, 20 ganze Jahre hindurch blieb nun der Stadt die ,,Garnisonlast" aufgebürdet. Eine grosse Last, denn das Schloss war zerschossen und unbewohnbar ,,dienet der Garnison bloss als retirade, gestalten darinnen niemand einquartieret ist, sondern daselbst nur eine Wacht täglich abgelöset wird" (88) T. Sp. F. 14115. Noch genaueres Gr. Sponh. Mil. 28, fol. 105b.), und folglich lagen die Soldaten in den Bürgerhäusern in Quartier. Die Einquartierung empfand man um so lästiger, weil die Soldaten bloss einen Batzen täglichen Sold empfingen (89) T. Sp. F. 8. - Ein Batzen = 1/15 Gulden = 4 Kreuzer. Der rheinische Gulden betrug etwa 1 M. 75 Pfg. bis 2 M. in heutigem Gelde.), wovon sie noch ihre ,,kleine Montur" bestreiten mussten. und weil sie ferner zum Teil Weiber und Kinder mitbrachten. Dazu kam der religiöse Gegensatz. Zumal der Kommandant, ein aus seiner Heimat vertriebener Ire von königlicher Abstammung und königlichem Selbstgefühl, war ein rechter Trutzkatholik. Kaum die spanischen Offiziere haben sich so verhasst gemacht wie dieser schroffe und eigensinnige Graf O'Connor. Selbstredend nahm er für sich und seine Offiziere je ein schönes Haus mit grossem Garten in Anspruch, liess sich Haus- und Küchengerät aller Art stellen und hauste, als unverbesserlicher Junggeselle, damit recht übel (90) v. Stramberg, Das Moselthal. 95-97. Die Zulast Wein s. Gr. Sponh. Mil. 28, fol. 46.). - Dauernd "mussten die Einwohner Holz, Licht, Oel und Kohlen für die Kommandantur und Wachtstuben liefern. Zum neuen Jahr liessen sie ihn jährlich eine Zulast (Fuder) Wein vors Haus fahren, damit er ,,gute Ordre und Justiz halte". Besonders hart fiel ihnen, ihrer eigenen Angaben nach, die Lieferung von Brenn- und Bauholz, weil sie es nicht aus den eigenen verwüsteten Wäldern holen konnten, sondern selbst kaufen mussten. Noch höher verrechnen sie die Aufwendungen, die von ihnen als Quartiergebern verlangt worden. Ueber die Gesamtkosten liegen uns spezifizierte Rechnungen vor: von 1713 bis 1729 betrugen sie 36239 Reichsthaler 16 Albus, bis 1733 gar 55584 Reichsthaler (91) Nur in dem abschriftlich erhaltenen Nachtrag zur T. Sp. F. vom J. 1734 (im Besitz des H. Ad. Allmacher- Trarbach). Anfänglich hofften die geplagten Einwohner immer noch, ihr Schloss werde wie Philippsburg und Kehl zur Reichsfestung gemacht werden (92) T. Sp. F. 4.). Je mehr diese Hoffnung schwand, um so lauter erhoben sie ihre Klage- und Bittgesuche: die Gemeinsherren, der "Konvent des oberrheinischen Kreises" und der Reichstag zu Regensburg wurden durch sie behelligt. Bei Gelegenheit eines Besuches 1719 musste auch der neue Kurfürst von Trier, Franz Ludwig aus dem Hause Pfalz-Neuburg (1716-29), ihnen Gehör schenken. Er möge den armen Einwohnern durch Verlegung der Garnison aufs Schloss Luft machen, baten die Vertreter der Stadt. "Gern," hiess es in der schriftlichen Antwort, die die mündlich erteilte halbe Zusage näher präzisierte, "wenn die Stadt einen erklecklichen Beitrag zum Wiederaufbau der Schlosskasernen, zur Anschaffung von Matratzen und dergleichen thun, auch ein bestimmtes, jährliches Quantum von Holz, Licht und Oel liefern will" (93) ebend. 12.). (Nov. 1720). Die Gemeinsherrn lehnten den Vorschlag mit der Begründung ab: das Städtlein sei ausser Stande das Verlangte zu leisten und nicht dazu verpflichtet; das sei vielmehr Reichs -, beziehungsweise Kreissache. Trarbach blutete also weiter. 1723 sind die Werke und Bauten auf dem Schlosse wiederhergestellt (93a) Das Bauwesen von den reparirten Breschen, gewölben, der bedeckte Hauptdonjon, die pulffer Thurn, das Commendantenhaus, die Cisternen, die häckerey- gewölbe, die Werkbrücken haben kostet 24500 rhein. gulden. Kurtrier. Act. Miscell. (1730-7), 71.) Damit steht es wohl im Zusammenhang, dass Trarbach plötzlich die Zahlung seines Beitrags zur Kreiskasse verweigert, weil es durch seinen ,,Schulden- und Garnisons-Last" dazu nicht im Stande sei. Durch Militär ward der Beitrag und 189 Gulden ,,Exekutionskosten" eingetrieben (94) T. Sp. F. 15.). Nachdem dieser Versuch misslungen, kam den Trarbachern ein neuer Einfall: nämlich die ganze hintere Grafschaft zu den Kosten heranzuziehen. Zunächst gewannen sie Christian III., der zwar nach Versailler Muster Hof hielt, aber für Trarbach ebenso wie sein erster Rat, Joh. Simon, ein Herz gehabt zu haben scheint. Anfangs November 1725 willigte auch die Markgräfin ein. Nun verfügte die Fürstl. Sponheimische Regierung zu Trarbach, d. h. seit 1672 ein Dreigestirn, der Oberamtmann und je ein pfälzischer und badischer Regierungsrat, offenbar den Trarbachern zu Liebe und von ihnen beeinflusst: nicht bloss die laufenden Ausgaben, auch die bissherigen Aufwendungen Trarbachs (ca. 27000 Reichsthaler) sollen die Aussenämter mitbezahlen. Dagegen erhoben diese lauten Protest, besonders geharnischt Kastellaun. Sein Amtmann, Joh. Schenk v. Schmidburg, bekämpfte das Verlangen in einer Eingabe an Christian III. unter Hinweis auf Kastellauns trübe Schicksale in den Raubkriegen, nicht ohne einen hämischen Seitenhieb auf die "guten Patrone" (Gönner) zu thun, die am pfälzischen Hof immer Trarbach bevorzugen hälfen. Die Verfügung wurde thatsächlich rückgängig gemacht und das Städtchen wegen seiner bisherigen Ausgaben auf eine Entschädigung von Kreis- oder Reichs (!) wegen vertröstet. Aber auch zu den laufenden Ausgaben wollten die Aemter durchaus nicht beitragen. Jm Frühjahr 1726 wird ihnen militärische Exekution angedroht. 6377 Gulden (= 4251 1/3 Rthlr.) sollen alle Aemter zusammen bezahlen, davon das Oberamt Trarbach etwa 3/8, nämlich Trarbach 326, Traben 524, Enkirch 738, Wolf 247, Starkenburg 70, das ,,Land" (Irmenach, Beuren u. s. w.) 620 Gulden. Da verschanzten sich die Aemter hinter ein Attest eines Coblenzer Stadtsekretärs, wonach die Trier`schen Stände für den "Garnisonslast" in der Hauptsache aufzukommen hätten und aufkämen. Ob sie wirklich die verlangte Summe bezahlt haben, ist nicht festzustellen; die Trarbacher selber geben nur zu, dass ihnen mit einer "kleinen" Summe unter die Arme gegriffen sei; von fortlaufender, jährlicher Zahlung war keine Rede (97) ebend. fol. 41 ff.). Da drohte plötzlich Ende 1726 ein neuer europäischer Krieg; drum wurde Mitte Dezember die Garnison verdoppelt und für die bauliche Instandsetzung des Schlosses wütete die Axt besonders in den badischen Wäldern bis nach Rhaunen hin. Selbstredend zahlte niemand den Badenern auch nur einen Heller dafür (98) Gr. Sponh. Mil. 30, fol. 85b. 86,). - Wegen der schwer belasteten Trarbacher fragte der neue pfälzische Rat Ludwig v. Savigny (99) Gr. Sponh. Mil. 28, fol. 56/57.) in Coblenz an, ob die Garnison jetzt als Reichs- oder Kreistruppen anzusehen und woher die Verpflegung zu nehmen sei. Der trierische General v. Wambold gab auf die erste Frage gar keine, auf die zweite die kurz abweisende Antwort, (lass Kurtrier ,,n i c h t s beizutragen willens sey". Ende Februar 1727, als man vor den Thoren auf privatem Grund und Boden ohne weiteres Schanzen aufwirft, meldet sich die Bürgerschaft abermals mit beweglicher Klage nach Rastatt und Bischweiler hin. Die Zahl der Bürger betrage jetzt nur 122 (die Seelenzahl also rund 600; erweislich die niedrigste Ziffer in den letzten Jahrhunderten); so eben hätten noch 4 Bürger sich mit Hinterlassung von bettelarmen Angehörigen nach Holland gewendet, um hier Dienste zu nehmen. Die Garnison besteht aus 13 meistens beweibten Offizieren, 1 Adjutant und 1 Artillerieleutnant mit zahlreicher Familie, 2 Feuerwerkern, 6 Konstablern (Artilleristen), 1 Feldscherer und 192 Gemeinen. Bei den Bürgern sind je 3-5 Soldaten untergebracht; viele Häuser stehen leer, deren Bewohner aus Furcht vor Einquartierung entwichen sind; die Stadt als solche, nicht allein die Privatleute , ist (mit 25000 Reichsthalern !) überschuldet; Grundstücke, Weinberge und Häuser sind entwertet; viele junge Leute heiraten nicht, obschon sie ihrem Alter nach schon längst es hätten thun sollen weilen weder ihre Eltern im Stande, ihnen mit etwas an die Hand zu gehen, noch sie selber etwas zu erwerben vermögen", zumal da ,,die erste Aussteuer eine Anzahl zu unterhaltender Soldaten ist" (100) ebend. 72/73.) Ihre Klagen verhallten anfänglich, erst um die Jahreswende wurden die Aemter zu einer neuen Beisteuer (3-4000 Gulden) herangezogen (101) ebend. 82 ff. 91.93.). Um dieselbe Zeit erhielt der Kurfürst Franz Ludwig seitens des oberrheinischen Kreisconventes zu Frankfurt am Main noch ein Mal die Aufforderung, doch die Kasernen auf der Burg herzustellen; allein er antwortete gar nicht darauf. Als ihn Christian III. dann auch deshalb anging (10. Jan. 1729), bekam er - vierzehn Tage darauf - nicht bloss eine ablehnende Antwort auf diese Bitte, sondern der Kurfürst nahm jetzt sogar sehr zu Christians Verdruss und zum Kummer der Trarbacher - offen ein Besatzungsrecht in Trarbach für sich in Anspruch, ,,weylen zu der Zeit, als meinem Ertzstift Trier dieser Ort zur Besatzung und defension von der kaiserl. Generalität angewiesen worden, zugleich auch die ausdrückliche Verordnung geschehen, dass das Schloss sowohl als auch das Stättlein mit der erforderlichen garnison beständig versehen und zwar das letztere auff den Fall einer Belagerung so lang nur immer möglich soutenirt (gehalten) werden solle, also dass, wenn ich auch alle auf dem Schloss erfindlichen baraquen in gantz wohnbaren Stand mit Aufwendung grosser Kosten herstellen wollte oder auch würde, Ich jedennoch um deswillen die garnison aus dem Städtlein völlig abzuführen nicht vermöge" (102) T. Sp. F. 16/17.). Um die bittere Pille etwas zu versüssen, erklärt sich Franz Ludwig am Schluss seines Schreibens allerdings bereit, einen anderen Wunsch Christians III. zu erfüllen und bei erster bequemer Zeit eine besondere Kommission zu gründlicher Untersuchung der gegen den Kommandanten und die Garnison vorgebrachten Klagen nach Trarbach zu schicken, die mit den fürstlichen Beamten und der Stadtobrigkeit den genauen Sachverhalt feststellen solle. Aber schon im März 1729 verzichtete der Kurfürst auf den Trierer Stuhl, um den frei gewordenen, vornehmeren Mainzer Stuhl zu besteigen; am 2. Mai trat in sein bisheriges Amt der Domprobst Franz Georg, ein Graf von Schönborn, als Nachfolger ein; auf ihn richteten sich jetzt die Blicke der Einwohner des ,,armen, bedrängten Städtleins" (103) Gesta Trev. z. J. 1729 (Prodr. ,list. Trev. II 940).
96) ebend. fol. 14/15. |