In der Nacht vom 20. zum 21. April begannen die Franzosen auch dicht hei der Kirche eine Batterie anzulegen. Da liess, als man es vom Schloss aus bemerkte, v. Hohenfeld ihnen sagen, das sei wider die Abmachung und müsse unterbleiben. Belle-Isle liess sich dadurch nicht stören und nun suchte man vom Schloss aus die gefährliche Stelle unter Feuer zu nehmen. Man kann sich denken, welch' tödlicher Schrecken die um ihre Kirche und Schule besorgten Trarbacher erfasste. Durch eine Abordnung liessen sie unverzüglich den Kommandanten um Schonung für die Stadt angehen, wurden aber an Belle-Isle gewiesen; falls dieser die Angriffsarbeiten in der Stadt einstelle, werde er nicht das geringste gegen dieselbe unternehmen. Thatsächlich hat die Stadt doch nur verhältnismässig wenig vom Bombardement gelitten. Schule und Kirche sind allerdings ,,zum Theil über den Haufen geworfen" und 7 Häuser in Brand geraten, doch ,,durch Löschung des Feuers" gerettet worden. - Natürlich wurden in diesen Tagen überall im Franzosenlager Schanzkörbe geflochten. Während man aber sonst immer solche mit 2 Fuss Durchmesser anwendete, gaben sie den Körben wegen der grossen Terrainschwierigkeiten nur einen solchen von 1 1/2 Fuss: auch liessen sie die 3 Fuss langen sehr dicken Holzstäbe der Körbe zu bequemerem Gebrauch oben und unten spitzen. Im Ganzen hat man etwa 5000 Stück gebraucht (Cormontaigne, Memorial 5. 67 ff., 79 ff., 82.). Als Füllmaterial wollten sie anfänglich Schiefergeröll, und da dies häufig fehlte, Holzstäbe verwenden, mussten aber bald davon absehen. Denn die Feuerwerker und Artilleristen auf dem Schloss setzten mittelst Pechkränzen, Leuchtkugeln und allem möglichen Brennstoff alle derartig angelegten Angriffswerke in Brand. Das gelang ihnen zunächst bei einer 4 Meter hohen, sog. masque oder
Blendung aus Faschinen und Schanzkörben, die am Schottthor errichtet war und die Eröffnung des 3
Fuss tiefen ( ebend. 112.)
Laufgrabens decken sollte. Bei dem Versuch, die brennenden Materialien wegzureissen, fanden, wie man
auf dem Schloss wenigstens wahrzunehmen glaubte, 4 Franzosen ihren Tod. Nachmittags ward der Zweck dieser Massregel allen klar: es hatten dadurch mittlerweile die ersten Geschütze der vordem Batterie aufgestellt werden können, die zwischen 2 und 3 Uhr dem Schloss ihren ersten Gruss zusandten. Kurz darauf trat auch die Kirchhofsbatterie in Thätigkeit. So begann die Beschiessung, an der sich bald noch 4 weitere Batterien beteiligten. Neben den Mörserungetümen, die auf der Schlosshöhe in der Mittelbatteie standen, versprachen die Angreifer sich besonders viel von 14, auf Kestel aufgestellten Vierundzwanzigpfündern. Weil sie jedoch noch circa 600 Meter vom Schloss entfernt waren, richteten sie nichts aus; fünf davon kamen überhaupt nicht zum Schuss. Der Donner der Geschütze war zeitweise so stark, dass man ihn nachts 3 Uhr - am Ostermorgen, 25. April - sogar in Simmern vernahm ( Notizen des Carmelitermönchs P. Felix, damaligen kath. Pfarrers in Simmern.). Die Kugeln und Bomben kämmten in der Folge die Pulvertürme bis auf 10 Schuhe ab; das Heu- und Strohmagazin auf dem Schloss geriet in Brand, der nur durch Zumauern einer Thür zu ersticken war, sonst hätte man es vor Rauch und Qualm in den Kasematten nicht aushalten können. Besonders staunten die Belagerten über die 500 Pfd. schweren Bomben, - die freilich wenig geschadet zu haben scheinen -, beklagten sich aber sehr darüber, dass der Feind zur Bombenfüllung übelriechende Stoffe verwende. Rastlos arbeiteten die Franzosen nachts in den Laufgräben, eine Arbeit, die ihnen von den Eingeschlossenen, ohne dass diese selbst es ahnten, wesentlich erleichtert wurde. Mittelst angezündeter Pech- und Theertonnen nämlich erleuchteten die Belagerten allnächtlich oben ihre Werke, und beim Schein dieser Feuer konnten die Franzosen und 500 zugezogene Arbeiter an dem Bergeshang tiefer unten vortrefflich arbeiten. Ueber die Schwierigkeit dieser Minierarbeit haben die Franzosen sich nicht genug auslassen können. Es scheint unglaublich, so schreibt noch vor etwa 50 Jahren der Genie-Hauptmann Augoyat, wie die Schanzgräber sich hier an dem steilen, glitschigen Fels halten konnten, und ein bei der Belagerung beteiligter Ingenieur Belle-Isles hebt hervor, dass man noch weit langsamer vorwärts gekommen wäre, wenn nicht Belle-Isle weder Pulver noch Blei, weder Kugeln noch Bomben gespart hätte, um das feindliche Feuer zum Schweigen zu bringen ( ebend. 132.). Als Hauptangriffspunkte, wählten die Franzosen erstens den sog. neuen Turm (Pl. Nr.14) und zweitens das Vorwerk, während ihre Artillerie in die Südfront des Schlosses, wo die Kasematten lagen, Bresche zu schiessen suchte.
Am Vorwerk schlug ein nächtlicher Angriff in der Nacht vom 27. April fehl, - ein Versuch, der schwere Verluste im Gefolge hatte ( ,,Den 27. April wagten die Franzosen zweymal einen Sturm sie wurden aber mit grossem Verlust zurückgeschlagen und bekamen eine so ansehnliche Menge Todte und Verwundete, dass von den in Starkenburg befindlichen dreyzehen Scheuern sieben mit Verwundeten angefüllet wurden." Moselantiq. S. 695/6. - In einer Aufstellung über gelieferte Fourage werden Pferde erwähnt destinez pour le service de L'hopital de Starkenburg, desgl. ,,directeurs" et ,,chirurgien". Kurtr. Act. Miscell. Nr. 60, fol. 5.) -; man sah sich genötigt, parallel dem Vorwerksgraben einen Laufgraben den Abhang hinaufzuziehen und Belle-Isle, der infolge eines Streifschusses an der Hüfte etwas lahmte, ordnete die Aufstellung einer neuen kleinen Batterie dicht vor dem Vorwerk an. Ihre Anlegung erfolgte selbstredend nachts, war ausserordentlich schwierig und erforderte 150 Mann. Gleichzeitig wurde die bisher unwirksam gebliebene Kestelbatterie tiefer hinab auf den neuen Kirchhof - in der Nähe der kleinen Kirchhofbatterie - verlegt. Um all diese Massnahmen zu maskiren, machten die Franzosen in dieser Nacht auf der Unheiler Kipp ein mächtiges Feuerwerk in Gestalt eines grossen lateinischen W und verübten unten in der Stadt einen wüsten Lärm. Die Belagerten verstanden: allons, allerde, avancez les fachines, wussten sich aber keinen rechten Vers darauf zu machen. Am folgenden Morgen (28. April) setzte v. Hohenfeld die aus Faschinen und Schanzkörben bestehende Brustwehr des Laufgrabens am Vorwerk, der zu einer sog. "place d'arme" erbreitert war, in Brand. Das Feuer griff in den Angriffsgängen so um sich, dass die Franzosen selbst ihr eigenes Werk zum Teil niederreissen mussten. Bei dieser Gelegenheit und wo sie sich auch sonst dem feindlichen Feuer aussetzen mussten, hatten sie Helme und Küraase angelegt. In der Nacht ward das Werk von den Angreifern wiederhergestellt: am hellen Tage aber zerstörten die Flammen es abermals. In der folgenden Nacht fertigten die Franzosen es aber aus Sandsäcken an, obgleich sie diese auf der Starkenburger Höhe anfüllen und von dort heranschleppen mussten. Selbstredend kostete auch diese Arbeit ihnen mehrere Tote und Verwundete. Am 29. April trat die untere Kestelbatterie in Thätigkeit. Bald schlugen ihre Kugeln verheerend in die südliche Frontmauer des Schlosses, so dass man seitens der Belagerten hier mit Sicherheit eine Bresche entstehen sah. - Aber noch am 30. schienen dem Grafen Belle-Isle die Fortschritte so gering, dass er nach Versailles schrieb: "Unglücklicher Weise genügen ein Dutzend Kanonire und Feuerwerker, - da die Feinde sich in den unterirdischen Gewölben hinter den Schiessscharten halten - um uns bei der unbeschreiblichen Schwierigkeit des Geländes in Verlegenheit zu setzen". Noch am Abend desselben Tages jedoch konnte mit der Anfüllung des Vorwerksgrabens begonnen werden. Zu ihrem Verdruss gingen den Franzosen schnell die Sandsäcke aus - sie haben deren im ganzen bei dieser Belagerung über 30000 Stuck gebraucht ( Cormontaigne a. a. 5. 79.) und nun wollten sie sich wieder mit Schanzkörben und Faschinen behelfen, die sie in den Graben stürzten und geschwind mit Steinen und Geröll zu bedecken sich bemühten. Aber Hohenfelds Artilleristen gaben scharf acht und bald schlug eine mächtige Flammenlohe aus dem Vorwerksgraben empor. Ein nächtlicher Sturmangriff war jetzt unmöglich geworden. Graf Belle-Isle, um 2 Uhr nachts vom Brigadier Graf d' Aubigné zur Stelle gerufen, verfügte sofort die Einstellung aller Arbeiten bis zum Tagesanbruch, schimpfte weidlich über die feigen Belagerten, von denen sich keiner zu zeigen wagte, und überzeugte sich jetzt, da das Vorwerk taghell beleuchtet war, dass es eine Tollheit sei, nachts in dasselbe eindringen zu wollen; wie das Wild beim Kesseltreiben wären die eindringenden Truppen darin zusammengeschossen worden. Er bemerkte aber auch, dass die Ecke des Vorwerks an der Aussenseite noch von der letzten Belagerung her nicht in Mauerwerk ausgebessert war, sondern dass man sich hier mit einer Erdaufschüttung begnügt und eine Schiessgallerie aus Holzbalken hergestellt hatte. Nach diesem Punkt hin - das erkannte Belle-lsle - galt es den Angriff zu richten. Gedeckt durch Gewehrfeuer, das eine im Rücken befindliche, im Laufgraben
verdeckt liegende Dragonerabteilung unterhielt, ging die Anfüllung der Grabenecke am nächsten
Morgen bis l Uhr nachmittags ungestört vor sich. Dann schritt man um 3 Uhr nachmittags nach
wohlüberlegtem Plan zum Sturm. Es wurden 2 Grenadiercompagnien des Regiments de la Conronne in den
gedeckten Gängen vor dem Vorwerk zusammengezogen. Auf ein gegebenes Zeichen stieg ein Leutnant mit
15 Mann in den Graben. Im Sturm gings auf die verhängnisvolle Ecke los; 3 Balken werden oben von
der Schiessgalleriebedachung abgerissen, und dann stürzen sie sich wie besessen durch die also
entstandene Oeffnung in die Gallerie hinab. Mit aufgepflanztem Bajonett gehts hinter den Feinden her
und zwar sogleich auf die Leiter am Hauptgrabenrand los, - welche die um der Belagerung willen
abgetragene Holzbrücke ersetzte -, um dadurch der Besatzung des Vorwerks die Flucht ins Schloss
abzuschneiden. Die übrigen Grenadiere sollten auf dem Fusse folgen, eine Abteilung sich in das
bombensichere, unterirdische Wachthaus, eine andere in die Schiessgallerie am Rand des
Vorwerksgrabens stürzen. Durch den Verlust des Vorwerks war die Lage der Eingeschlossenen eine missliche geworden; die Bresche wuchs an diesem Tage zusehends, und in der Nacht begannen die Franzosen von dem Vorwerk aus einen unterirdischen Gang nach der Laterne hin anzulegen. Am frühen Morgen des 2. Mai hielt v. Hohenfeld Kriegsrat. Bei einen Gang durch die Festung hatte er sich - nach eigener Angabe - überzeugt, ,,dass die mehresten Kasematten und Gewölber durch das Bombardement eingeschlagen, dass die mehresten Wercker und mit selbigen auch die verdeckte Schiesslöcher ausser sechs, die zur Bresche gingen, ausser Stand, sämtliche Geschütze bis auf 4 oder 5 Stück demontirt und alle verdeckten Verbindungswege ruinirt waren". Die Bresche war so weit offen gelegt, dass 2 Wagen neben einander hindurchfahren konnten: der militärischen Ehre war also genug gethan. Nun legte er im Kriegsrat den versammelten Offizieren die Frage vor, ob einer von ihnen eine retirade, d.h. einen Rettungsweg im Falle eines Sturmangriffs ,,anweisen" könnte ( Der Moselantiquarius p. 696 lässt auch den auf dem Schloss befindlichen Brunnen durch eine hineinfallende Bombe verderben werden: was durch die genaue Angabe auf dem Bilde zu Hohenfeld's Diarium, dass die ,,zwey Cisternen seynt guth geblieben, ohnerachtet doch mehr denn 200 bis 250 Bomben ringsherum gefallen", widerlegt wird. Er hat ferner die uncontrollierbare Angabe, ein Soldat von der Besatzung, der durch das heimliche Gemach zu den Franzosen übergegangen war, habe den Ort, wo man am besten Bresche schiessen können, verraten.). Als allgemeines dumpfes Schweigen eintrat, erklärte der Kommandant, man müsse also auf ein Mittel bedacht sein, noch bey Zeiten eine anständige Kapitulation zu erhalten und so wenigstens die Mannschaft zu retten. Es war nicht der rühmlichste Entschluss, aber, wie die Dinge lagen, der klügste. Zwar hätte sich v. Hohenfeld, da das Trinkwasser noch reichlich und gut, die Gebäulichkeiten und Kasematten noch leidlich zu behaupten waren, vielleicht noch Tage, ja Wochen verzweifelt wehren können, wie die Franzosen 1703 und 1704. Doch konnten die französischen Verteidiger immer - und 1703 ja mit Fug und Recht - auf einen ernsthaften Entsatzversuch ihrer Landsleute rechnen: zur Rettung der Trierer regte sieh 1734 niemand. Der kaiserliche Generalissimus, Prinz Engen von Savoyen, der frühere kühne Draufgänger war alt, thaten- und verantwortungsscheu geworden; er that nichts, um Trarbach zu retten. Kurz nach dem Kriegsrat, vormittags 8 Uhr, schlug man auf dem Schloss Chamade und hing eine weisse Fahne heraus; ein französischer Offizier kam in die Festung, und es wurde, um die Kapitulationsverhandlungen sicher zu stellen, ausgemacht, einander Geiseln zu geben. Die Belagerten erlangten freien Abzug und ausserordentlich günstige Bedingungen, weil Belle-Isle Befehl hatte, unter allen Umständen die Belagerung am 2. oder 3. Mai zu Ende zu führen. Natürlich machten die Franzosen in den Magazinen der Burg eine reiche Beute, darunter 1250 Centner Mehl, 34 Malter Korn, 56 Malter Hülsenfrüchte, 30 Centner Speck und Schinken, 18 Centner Käse u. s. f., sowie auch 43 Fuder Wein. Am 4. Mai zog die Garnison durch die Bresche, wo mit Balken und Brettern ein Weg gemacht war, ab. Voran gingen die Zimmerleute mit Aexten und Gewehren, dann kam Fähndrich Kersten mit den Artilleristen und 2 Geschützen, die sie mitnehmen durften, sodann der Kommandant, zu seiner Rechten der kaiserl. Hauptmann Graf von Wurmbrand, links der französische Kapitän Verdusan, sodann der Kommissarius (Proviantmeister) Deutsch mit 2 Feldpatres, dann Major Maffei mit der übrigen Garnison. Die feindlichen Truppen bildeten vom Schloss durch die Stadt bis zum Kunkel Spalier. Auf dem Platze an der Mosel hielt hoch zu Ross der Graf Belle-Isle, der den Kommandanten und den Grafen von Wurmbrand salutirte und becomplimentirte. In seinem Beisein fand unter den Klängen der französischen Militärmusik im Hafen am Kunkel die Einschiffung statt. Am folgenden Mittag trafen die Befreiten in Cochem, am 6. morgens in Lay, 8 Kilom. oberhalb Coblenz, ein, wo der Kapitän Verdusan mit seiner Escorte sich von ihnen verabschiedete.
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