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Der weindurstige Drache von Traben- Trarbach
Versuchen Sie es selbst einmal:
Von der Hauswand ausgehend windet sich zunächst im Spannbogen eine Rebe mit lesereifen Trauben bis zu einer Konsole, die mit spanähnlichen Haken und Ringen -  zwecks Schildaufhängung - versehen ist.


Mischwesen
mit
 gewundenem
und
schuppen-
besetztem
Schlangenleib


Rebe mit lesereifen Trauben.

spanähnlichen Haken und Ringen

Unter der Konsole kriecht ein Mischwesen mit gewundenem und schuppenbesetztem Schlangenleib hervor, der in einem drachenähnlichen Reptilienkopf mit weit geöffnetem Rachen und langen Eselsohren mündet. Diesen reckt das Untier lechzend nach hinten. Die ungewöhnliche Kopfhaltung hat einen außergewöhnlichen Grund: Auf der Konsole steht ein von Säulen getragener Laubenbogen, der im Rundbogenteil die spanähnlichen Aufhänger als Bewuchs trägt, aus dessen Mitte ein üppiges Büschel herauswächst. Im Bogen steht eine gut gekleidete Maid mit gefüllter Gürteltasche. Aus ihrer Vorderansicht geht jedoch nicht hervor, was sie hinter ihrem Rücken und hinter dem Laubenbogen tut. Manchen Frauen soll man sowieso von vorne nicht ansehen, was sie hinter dem Rücken machen. Die im Schildausleger gießt hinter dem Säulenbogen den Inhalt einer Weinflasche in den weit geöffneten Reptilienrachen. Warum . ..? Die Darstellung entspricht nicht nur dem damaligen Zeitgeist, sondern durchaus dem Charakter des Jugendstils und Bruno Möhrings Schaffensweise.

Bruno Möhring und der Jugendstil
Der neue Stil hatte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt und begann sich über weite Teile Europas auszubreiten. Seine Glanzzeit begann um 1896. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges verlor er ab 1914 an Aktualität. Auf internationaler Ebene bezeichnete man ihn als ,,Art nouveau" = Neue Kunst. Schon der Begriff ,,Neue Kunst"
besagt, dass dieser sich nicht nur auf die Architektur begrenzte, sondern über die Malerei, Bildhauerei, Formgebung von Gebrauchsgegenständen, Mode, Schmuck, Theater und Musik die Weitläufigkeit der Palette in der angewandten Kunst bis zu Druckerzeugnissen abdeckte. Ein Produkt der Druckkunst wurde sogar zum Inbegriff der deutschen Bezeichnung. In München gründete 1896 der Verleger G. Hirth eine Kulturzeitschrift, deren Aufmachung im Stil der ,,Art nouveau" gehalten war. In ihr bot er reformwilligen jungen Literaten und Künstlern Gelegenheit sich zu präsentieren. Diese nahmen die Möglichkeit gerne an und machten in Wort und Bild selbst vor den Weinschwelgereien des griechischen Gottes Dionysos - lat. Bacchus - nicht Halt, noch verzichteten sie auf die gefühlsbetonten Leiden in den Mythen. Auch die mittelalterliche Sagenwelt fand Aufnahme und Umsetzung in ihren Musenkindern. Der Künstler-Architekt Bruno Möhring wiederum setzte das Literarische- Bildhauerische in Kunst am Bau um. Auf Grund des Alters seiner Autorenschar nannte G. Hirth die Zeitschrift ,,Jugend", die eine landesweite Verbreitung und hierdurch eine hohe Auflage erfuhr. Damit wurde sie zum Inbegriff, mit dem die Bevölkerung die neue Generation identifizierte. Ihr Titel ,,Jugend" wurde zum Stil der Jugend zum "Jugendstil", dem abgewandelten deutschen Begriff des ,,Art nouveau". Der am 11 Dezember 1863 in Königsberg geborene Bruno Möhring wuchs somit gemeinsam mit der Entwicklung des Jugendstils auf. Bereits in frühen Kinderjahren waren Bauklötzchen und Malstifte seine bevorzugten Spielzeuge, die Geschicklichkeit und Begabung erkennen ließen. Seine Talente waren für die Berufswahl ausschlaggebend. Auch bei ihm bewahrheitete sich die Lebensweisheit, dass jener, der sein Hobby zum Beruf macht, überdurchschnittliche Leistungen erbringt. Das Studium an der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg
schloss er als Architekt ab und ließ sich in Berlin nieder. Als solcher begann er auch die kulturgeschichtlichen Figuren aus Mythen, Legenden und Sagen gestalterisch und sinngebend an seinen Bauten darzustellen. Voraussetzung hierfür war eine
überdurchschnittliche Bildung. Wer sich mit der Baukunst von Prof. Bruno Möhring befasst, stellt schnell fest, dass es ihm nicht nur gelang, Stahlbauten wie die 1945 gesprengte Moselbrücke zwischen Traben und Trarbach in der Dekoration des neuen Stils zu schaffen, sondern dieses Wissen in der Kulturgeschichte an seinen Bauten kunstvoll zum Ausdruck
zu bringen. Deshalb gilt er als der bedeutendste Architekt, dem es gelang, den Stahlbau über die geistige Schiene optisch mit dem Stil der Zeit zu verschmelzen. Dies kommt selbst in einem so untergeordneten Gegenstand wie dem Ausleger an der Brückenschenke noch wirkungsvoll zum Ausdruck, auch wenn der Entwurf durch eine Weinspende Bezahlung fand.
Da in Bruno Möhrings Darstellungen wiederholt Fabelwesen in allen möglichen Variationen vorkommen - so auch in diesem besonderen Falle - ist es erforderlich, uns Details aus der Kulturgeschichte der Schlangen in Erinnerung zu rufen. Einige der 3 000 Sorten umfassenden Unterart der zur Gattung der Kriechtiere gehörenden befinden sich an weiteren
Bauten in Traben und Trarbach.