Seite: 1 Seite: 2 Seite: 3 Seite: 4

Der weindurstige
Drache von

Traben- Trarbach


Eine Geschichte aus der
Geschichte der Stadt
von
Willi Westermann

Trarbach, den 20. Dezember 1899:
Jubel, Trubel, Heiterkeit. Kaiser- Hochs und der Ruf ,,Os Breck (Brücke) ess ferd ich", prägten die Einweihungsfeierlichkeiten und das Stimmungsbild in Traben und Trarbach; beide Orte wurden erst 1904 zu einer Stadt vereinigt. Ab diesem Tag verfügte die Mittelmosel auf der 41 km langen Strecke zwischen Bernkastel- Kues und BuIlay- Alf über einen weiteren festen Moselübergang. Die Wellen der Freude hätten noch Schaumkronen getragen, wenn der Brückengeldeinnehmer nicht im Brückentor auf der Trarbacher Seite gewohnt und im Erdgeschoss die Benutzer abkassiert hätte. Der Standort war für die Trarbacher ein Schuss in den Ofen, denn die Stadt war Bauherr und zahlte anteilmäßig für die Brücke mehr als 50 %, und das waren immerhin mehr als 300 000 Mark in einer Zeit, in der das Glas Bier 0,10 und die Flasche Wein 0,50 Mark kosteten. Der preußische Staat und die Rheinprovinz zahlten je 100 000 Mark und das verschwägerte Traben 90 000. Während die Bewohner der Landgemeinde Traben mit Kind und Kegel vom linken Moselufer aus kostenlos bis zum Trarbacher Brückentor flanieren konnten und den Städtern ironisch- freundliche Grüße zuriefen, um zahlungsunwillig vor der Kassiererstelle umzukehren, konnten die
Trarbacher ohne zu zahlen keinen Fuß auf ,,ihre" Brücke setzen. Das war ein unhaltbarer Zustand. ,,Wehret den Anfängen", tönte es durch die Stadt mit der Folge, dass die Brückengeldeinnehmerstelle kurzfristig auf die Trabener Seite in das Turmstübchen im dortigen Brückenabgang zur Mosel umzog.
 

Auch heute wird dort noch kassiert: Ein Italiener macht nun hier ,,eiskalte Geschäfte" mit süßen gefrorenen Köstlichkeiten. Durch die Standortverlegung der Brückengeldeinnehmerstelle war die ,,Werkswohnung" als solche nicht mehr erforderlich und konnte einem ertragreicheren Zweck zugeführt werden. Bereits während der Einweihungsfeierlichkeiten diente diese als Empfangsraum, in der sich die Ehrengäste am Rieslingswein labten und in eine Ehrenurkunde eintrugen, so dass der Gedanke, die Wohnung zu einer Schenke umzufunktionieren, zur Tat reifte. Kaum waren die umfangreichen Brückenbauarbeiten beendet, begann der erste Umbau.

Nur ein Wirtshausschild
Als dieser Anfang 1900 seinem Ende zuging, bemerkten die Stadtväter, dass niemand daran gedacht hatte, ein Wirtshausschild in Auftrag zu geben, das sich in diesem Falle dekorativ dem Stil des Gebäudes anpasst. Solche Schilder waren bereits in der Römerzeit bekannt und Pflicht, denn sie dienten nicht nur als ,,Aushängeschild", sondern als Hinweis, dass es sich hier um einen konzessionierten Betrieb handelte gebt dem Kaiser was dem Kaiser ist".

Da der bekannte Künstler- Architekt des Jugendstils, Prof. Bruno Möhring aus Berlin, durch seinen gelungenen Entwurf die Brücke mit den dazu gehörenden Bauten bereits so trefflich gestaltet hatte, kam nur er als Schöpfer des Wirtshausschildes in Frage.

Leider hatte sich die Stadt zu diesem Zeitpunkt so verausgabt, dass selbst für den Schildentwurf kein Geld im Stadtsäckel mehr vorhanden war Doch dem leeren Beutel stand der gesegnete Rieslingsdurst des geschätzten Architekten gegenüber. Hierdurch wussten die Ratsherrn Rat, indem sie dem Rieslingsliebhaber in einem Schreiben den Vorschlag
unterbreiteten, den Schildentwurf im Gegenzug mit flüssiger Moselwährung auszugleichen. Die noch vorhandene Spenderliste der Winzer und Weinhändler im damaligen Stadtrat belegt, dass beide Seiten handelseinig wurden. Das von der Öffentlichkeit kaum beachtete Schild mit seinem Ausleger in kunstvollem Schmiedeeisen gehört zu den erzählenden
Darstellungen an der Brückenschenke und ihrem Umfeld. Dessen Entschlüsselung ist heute möglicherweise gelöst.